Verhandlungswahnsinn

 

Mitten in einer Verhandlung, vor mir ein Stoss Papier, das Gegenüber funkelt und wettert lautstark, hämmert mit dem linken Zeigfinger auf immaginären Punkten herum, dass die Tischplatte fibriert, zieht die Augenbrauen hoch. Die Stimme mittlerweile schrill und aggressiv werden unter rudernden Bewegungen  der Arme wüste Unterstellungen, verletzende Bemerkungen und eine Anhäufung unlogischer Schlüsse von sich gegeben, dass es nur so zum Fremdschämen ist…

Da geschieht etwas Seltsames!

 Ich lehne mich zurück, denke mitten in diesem mündlichen Pamphlet statt über eine entwaffnende Erwiderung, stringente Argumente, zynikverdrängende Kahlschläge, schlaue Kausalzusammenhänge über ganz etwas Anderes nach.

Dein Gesicht erscheint vor meinem geistigen Auge, die vertrauten Züge, die Lachfalten und der Schwung Deiner Lippen, dieser liebe Ausdruck, Dein sanfter Blick, wenn Du zufrieden und glücklich bist und mir wird warm ums Herz, als ginge eine Sonne auf in meinem Bauch. Deine Liebe flutet meinen ganzen Körper, während aus weiter Ferne das Toben des Gegenübers wie Donnergrollen an mein Ohr dringt. Ich fühle mich geborgen und geniesse das stille Wissen, dass Du an mich denkst, mich liebst in all’ meiner Vielfalt und wir einander wahrnehmen, ob wir uns sehen oder nicht.

Wie in einem Kurzfilm beobachte ich Sequenzen deines Lebens; Deine Hände, wie sie eine Mauer bauen, ein Flugzeug steuern, Gemüse schneiden für ein Nachtessen. Ich sehe Deine weissen Zähne, die lustig blitzen, wenn Du herzhaft lachst; Deinen Ernst in Diskussionen, Deinen Schalk im Miteinander. Schmunzle über Deine Verwunderung, wenn ich Dich überraschen kann, weil Du mich anderswo wähntest, während ich plötzlich vor Dir stehe.

Und ich sitze immer noch in diesem Raum, wo mir eine geballte Ladung Bösartigkeit in giftigen Wellen entgegenschwappt. Aber es hat sich etwas Entscheidendes geändert. Ich weiss, dass dies alles nichts mit meinem Klienten, mit mir schon gar nicht zu tun hat.

Ruhigen Pulses nehme ich nach diesem inneren Ausflug den Faden auf  und beginne leise mit meinem Gegenüber zu sprechen; fühle mich eher Psychologin denn Anwältin. Ziel ist, dass der Verhandlungspartner aufrechten Ganges die Wirkstätte verlassen kann und wir dennoch den Vertragsinhalt gesichert haben.

Am Ende ist der Deal gelungen, die beiden Vertragspartner werden aber wohl nie mehr zusammen Geschäfte abschliessen.

Und ich? Ich bin leichten Schrittes nach Hause unterwegs und freue mich, dass ich geben kann, weil ich habe; im Überfluss, Liebe über alle Massen, das lässt ruhig bleiben. Dies scheint mir in dieser Verhandlungsgleichung von heute das matchentscheidende Element zu unsern Gunsten gewesen zu sein.



2 Gedanken zu „Verhandlungswahnsinn“

  1. Christina sagt:

    Welch wunderschöne Liebeserklärung!!

  2. Brigitte Grabbe sagt:

    Liebe Mäni,
    ich habe dich vor meinem geistigen Auge am Schreibtisch sitzen sehen…Der Titel könnte auch lauten,Verhandlungswahnsinn mit Liebe besiegt.

    Nun freue ich mich auf weitere spannende Geschichten und grüsse dich herzlich,Brigitte

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