O du fröhliche

 

«So, haben wir alles für Weihnachten»? fragt sie etwas gestresst ihren Gatten. Die leichte Anspannung rührt daher, dass besagte Reisende sich auf eine ruhige Zugfahrt gefreut hat und ihr eine lustige, in Weihnachtspullover mit Rentieren versehen gekleidete, englisch sprechende Familie einen Strich durch die Rechnung macht. Sie hat ihren Mann deshalb ans Ende des Wagens manövriert, in der Hoffnung, der grösstmögliche Abstand garantiere ein Maximum an halbwegs besinnlicher Reise, aber leider nein.

 

Nun, sie trägt das Unausweichliche mit gut gespielter Fassung und gibt sich in der folgenden Stunde passabel Mühe in leise rieselndem Tonfall die To-Do-Liste für eine perfekte Weihnachtsfeier mit ihrem wenig interessierten Ehemann durchzugehen. Nach epischen Monologen – einem Mehrgangmenü geschuldet – landet das tapfere Paar über Umwegen (üppig oder schlicht-elegante Tischdekoration, doch ein Dresscode? und sonstige Nebensächlichkeiten) schliesslich bei Weihnachtsbaum, Krippe und funkelnden Geschenken für die lang nicht mehr gesehenen Onkeln und Tanten, Cousinen und Eltern.

 

Eltern? «Für Deine Eltern habe ich nichts eingekauft, das hast doch Du erledigt»!, säuselt sie nicht ohne Vorwurf mit dennoch bezauberndem Lächeln. «Ich?! Wo denkst Du hin, ich habe doch keinen Schimmer, was ich den beiden Stänkerern schenken sollte, denen ja nie irgendetwas genehm ist», presst er lauter als gewollt zwischen den Zähnen hervor. Eine gewisse Kapitulation ist nicht zu überhören, untermalt vom Misston unterdrückten Zorns. Mit nun doch etwas in Schieflage geratenen Gesichtszügen und einer Spur Hektik mahnt sie: «Mensch Robert, das kann man hören, neben uns sitzt eine Frau, was soll sie denn von uns denken!».

 

Und nun verlangsamt sich die Welt in unserm Wagen. In Zeitlupe verliert die gebeutelte Nachbarin ihre Nerven und ihr Mann die Contenance. Sie schlittert langsam einer bedauernswerten Verzweiflung entgegen: Stilvoll gekleidet, immer noch adrett sitzend, innerlich hingegen in sich zusammensinkend, die Lippen zu einem Schrei formend. Ihr Angetrauter erwacht nämlich einer Götterdämmerung gleich, der Körper unter Hochspannung bricht sich aus den Tiefen seiner Seele eine Stimme wie eine Posaune Bahn und ein Funkenregen sprüht in den lebhaften Zug hinaus: «Sollen sie und der ganze vermaledeite Zug doch denken, was sie wollen. Ich hasse dieses Fest der Liebe!».

 

Schlagartig kehrt Ruhe ein und bevor bei uns erschrockenen Zugfahrenden das Denken einsetzen kann, knistert der Lautsprecher und kündet die Ankunft am Zielort an. Wir bleiben alle kleben in unsern Sitzen; nur die Frau nebenan rafft hastig ihre Siebensachen zusammen und eilt dem Ausgang entgegen. Hinter ihr läuft gemächlichen Schrittes mit plötzlich gelöstem Gesichtsausdruck, ja fast schon selige Ruhe ausstrahlend ein erleichterter Mann erhobenen Hauptes Richtung Treppe.

 

Einzig die englischen Kinder durchbrechen die Stille und schmettern den Beiden ein fröhliches «Merry Christmas!» hinterher, nicht beachtend, dass die Frau abwinkend die Treppe runterstolpert und eilig aufs Perron hüpft.

 

Wie in Trance packe ich meine beiden Taschen und verlasse diesen Glücksort; Du meine Güte, was für ein Auftakt in den Heiligen Abend!



2 Gedanken zu „O du fröhliche“

  1. Niklaus Luder sagt:

    Hallo Josephine
    Es ist eine Bereicherung, solche qualitativ guten Texte zu lesen, man findet das im Alltag immer weniger.

    Man ärgert sich über die hektische und so gar nicht besinnliche Zeit. Manche entrinnen dem ganzen Trubel komplett. Das ist auch in Ordnung so, es muss für jeden selbst passen. Ich persönlich versuche dem Ganzen etwas Gutes abzugewinnen. Stress und Hektik, im Sinne von Aktivität, kann auch positiv sein. Geschenke sind etwas wertvolles, weil man sich die Zeit nimmt zu überlegen, was dem Beschenkten gut tut und Freude bereiten könnte. Ausserdem gibt es unzählige Möglichkeiten, an Weihnachten Gutes zu tun, im Sinne der Nächstenliebe. Auch wenn manche es als heuchlerisch abtun: wir werden für einen Moment wachgerüttelt und sind vielleicht grosszügiger, als wir das im Alltag wären. Lieber solche – wenn auch kurze – Momente, als gar keine.

    Liebe Josephine ich wünsche dir einen guten Rutsch ins neue Jahr.

    1. Manuela Gebert sagt:

      Lieber Niklaus
      Genau wie Du beschreibst ist es etwas Schönes, sich zu überlegen, womit dem Gegenüber eine Freude gemacht werden könnte, das geht mir nicht anders als Dir. Für mich ist dazu hingegen weder Weihnachten noch Geburtstag nötig; unter dem Jahr laufe ich manchmal an etwas heran und denke, das wäre jetzt genau für diese oder jene Person.
      Vielleicht sind es die Erwartungen, die Pflichten, welche oft mit fixen besonderen Tagen zusammenhängen, die einigen Menschen das Ganze fad werden lassen?

      Dir wünsche ich einen gemütlichen Ausklang des Jahres und einen gelungenen Start ins 2020, Josephine lässt Dich auch grüssen, herzlich Manuela

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