Altjahrswoche

 

Eigentlich sind damit die Tage zwischen Weihnachten und Neujahr gemeint. Für mich hingegen ist die Altjahrswoche mehr als das; es ist geradezu ein zeitloser Moment zwischen den Jahren. Mit einem Fuss habe ich das sich zu Ende neigende Jahr noch nicht verlassen, mit dem andern bin ich bereits in der Luft und erahne unbekannten Boden des noch nicht angebrochenen Jahres. Irgendwie mystisch diese Zwischenzeit. Es bleibt in diesen Tagen ein klein wenig die Welt stehen; als ob sie anhalten, Rückschau tätigen und Atem für den nächsten Jahreszirkel holen würde. Und so fühle auch ich mich.

Sitzend in meinem Sessel vor dem prasselnden Feuer blättere ich durch das Jahr meines Kalenders. Und staune: Ich hätte schwören können, dass dieses eine Ereignis schon viel länger zurückliegt oder diese Menschen, haben wir sie wirklich erst im April kennengelernt? und was, wir waren an all’diesen Orten?! In Gedanken bin ich bei den Freunden, die wir im Ausland besucht haben und Wochen zur Verfügung hatten, um wieder einmal lang und breit miteinander Gespräche zu führen. Vor meinem geistigen Auge ziehen Begegnungen, Gesichter, Diskussionen, Gefühle, Erfolge, Verluste, Ungesagtes, Verwirklichtes, Anvertrautes, Lustiges, Bedauern, Glück vorüber und ich bin wohlig eingepackt in dieser Retrospektive. Was für ein Jahr! Welch‘ Auf und Ab, welche Tiefe und Versonnenheit! Trotz Unverständlichem, Traurigem das in diesem Jahresbild auch seine Farbe hinterlässt, schaue ich auf ein Gemälde, das mich glücklich und dankbar macht.

In diesen Tagen mäandere ich durchs Haus ohne bestimmtes Ziel. Mal vergeht ein ganzer Vormittag damit, dass ich am Tisch sitze und Briefe schreibe, Gedanken zu Papier bringe und auf die Reise schicke. Dabei wandere ich zu den Empfängern und stelle mir vor, wo sie gerade sind, wie wir uns kennen gelernt, was wir alles schon zusammen erlebt haben. Oder wir sitzen am Esstisch mit spontanem Besuch, der nur eben kurz ein gutes neues Jahr wünsche wollte und wir bereits die Kerzen und zwei, drei Lämpchen anzünden, weil der Nachmittag längst dem Abend gewichen ist. Es ist Zeit, um draussen lange Spaziergänge zu machen durch einen Märchenwinterwald; um mit den Nachbarn Glühwein zu trinken und dann mit den Schlitten ins Dorf hinunter zu sausen; um nebst Fondue und Weihnachtguetzli einen Grappa zu geniessen und einfach bis in alle Nächte zu plaudern. Dann wieder stehe ich so früh auf, dass das ganze Dorf noch im Schlummer begriffen und auch im Haus kein Geräusch zu vernehmen ist; ich setze mich aufs Ofenbänkli und schaue dem Tag beim Erwachen zu. Sinniere, was wohl im Neuen Jahr alles bereit liegt für mich und meine kleine Familie.

Ja die Altjahrswoche hat es in sich, beruhigt, lässt inne halten, verlangsamt das Tempo, hilft loszulassen, beschert Erholung und Frieden und nährt die Neugierde auf das Kommende. Eine herrliche Zeit, die länger dauert, als der Kalender mir vorgaukelt.

 



4 Gedanken zu „Altjahrswoche“

  1. katharina pfanner sagt:

    die zeit zwischen den zeiten – ich liebe sie wie du, liebe manuela! etwas langsamer gehen die zeiger, ob montag oder donnerstag ist: wen kümmerts? zeit des gedankenschweifens, des innehaltens, des streifens durch die vergangenen tage, farbtropfen, collagenschnipsel, flächen, linien fügen sich zusammen zu einem bild, einer gestalt, einer besonderen jahresperson – die überraschende, die unruhige, die fröhliche, die tiefgründige, die versöhnte, die ruhige… vielleicht finden sie den weg aufs blatt, vielleicht hängen sie, kostbar auf jeden fall, in der inneren gallerie unserer jahre.

    ich schicke dir gute gedanken und wünsche in diese zeit, in das, das ist und in das, das, heute noch unbekannt, kommen wird. und in einem jahr gestalt annimmt und sich dereinst zu den anderen jahren gesellt, als überraschende, fröhliche, abwechslungsreiche, anspruchsvolle, als unverwechselbare gestalt – welch ein reichtum da gesammelt in uns ist.

    herzlich viu guets u gfröits!
    katharina

    1. Manuela Gebert sagt:

      Liebe Katharina
      Das gefällt mir, wie Du diese Momente beschreibst „die Zeit zwischen den Zeiten“!

      Häb es gfreuts, guets Jahr und uf Wiederluege, mit sonnigem Gruss an Deinen glitzernden See, Manuela

  2. Ruedi sagt:

    Liebe Manuela
    Du hast deine, die „Altjahreswoche“ sehr schön beschrieben. Farbenfroh, bildlich, zum nachdenken. Es liest sich leicht und bleibt nachhaltig.
    JA
    Es ist Zeit, Innezuhalten.
    Es ist Zeit, für die wichtigsten Menschen die uns begleiten.
    Es ist Zeit für Worte der Dankbarkeit.
    Es ist Zeit uns auf das neue Jahr zu freuen!!
    Guter Rutsch und alles Gute im 2020!
    Liebe Grüsse Ruedi

    1. Manuela Gebert sagt:

      Lieber Ruedi
      Danke für Deine lieben Wünsche, die ich gerne auf diesem Wege erwiedere; ein fröhliches, spannendes und zufriedenes Neues Jahr für Dich,
      herzlich Manuela

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