Bevormundet

 

Wir haben diesen neuen Glaskeramik-Herd. Schweizer Marke. Bürgt für Qualität, scheinbar der neuste Spuk und letzte Schrei. Wir haben ihn nicht selbst ausgewählt, weshalb uns diese Superlative herzlich egal waren. Wir wollen kochen darauf; dazu muss eigentlich einfach die Herdplatte heiss werden und die Hitze regulierbar sein. Ein Kinderspiel, nicht? Weit gefehlt! Nur schon die tägliche Anstellerei dieses doch profanen Produkts: Eine Nervensache. Es sind wie am Flughafen ein paar Checkpoints zu passieren. Zuerst lange auf der Start-Taste verharren, bis das intelligente Gerät überzeugt ist davon, dass es sich bei mir um ein menschliches Wesen und keinen Ausserirdischen handelt, der Quacksalbereien vorhat mit dem Ding. Gut; es blinken alle Optionen, Schritt zwei avisieren, die Deblockierungstaste drücken bitte; dann wird der Weg frei zur Bedienung der einzelnen Herdplatten. Doch Sesam macht keinen Mucks. Wieso geht das jetzt nicht? Aha, zu lange gewartet zwischen Hindernis eins und zwei; das muss schneller gehen, sonst schläft der Zerberus wieder ein. Haben die Hersteller eigentlich auch an Berner wie mich gedacht? Ich bin ein gemütlicher Zeitgenosse und nehme mir ja gerade Zeit zum Kochen; sonst hätt‘ ich den Ofen angeworfen und Convenience-Food aufgewärmt!

Doch da flackern Erinnerungen an mein Guetzlibacken anfangs Dezember auf und die Untugenden dieses andern irrwitzigen Geräts in unserm Haushalt nehmen wieder Gestalt an vor meinem geistigen Auge. Jeder noch so banale Schritt musste durch Drücken der Eingabetaste bestätigt werden. Ja, ich will den Ofen wirklich einschalten und bin nicht mit dem Staubsaugerrohr irrtümlich an den Einschaltknopf geraten. Und ja, bei der Auswahl der Temperatur geht es mir einzig um sie, um sonst nichts, ich schwöre es, ich habe keine Hintergedanken und drücke auch nicht zum Spass auf diesen Knöpfen herum. Und gelangte ich dann schweissüberströmt endlich zum Finale, fragte mich dieser Zyniker doch allen Ernstes, ob er nun effektiv all‘ mein Programmiertes in die Tat umsetzen solle… Veräppelt der mich oder bin ich hier wieder im Handarbeitsunterricht der Primarschule gelandet, wo man uns angeblich begriffsstutzigen Wesen das Stricken mittels stundenlangem Mantra meinte eintrichtern zu müssen: „inestäche, umeschlah, dürezieh u abe la, verschteisch?“. Was soll diese ewige Fragerei? Ich dachte bisher, das Produkt sei für mich da und nicht umgekehrt. Was blieb mir anderes übrig als klein beizugeben, dem lieben Ofen gut zuzureden und dann erleichtert die Guetzli in die Röhre zu schieben. Gleich noch die Lichttaste gedrückt, denn über diesen Guetzli muss ich ein wachendes Auge behalten, nur eine Minute zu lang und die süsse Seligkeit wird zu verbranntem „Ungenuss“. Doch da schaltet sich bereits das Licht wieder aus. Was soll das jetzt wieder? Trotz Aktivierung der Lichtfunktion brennt die Lampe nur ganz wenige Sekunden und verabschiedet sich dann wieder ins Reich der Finsternis. So wird mir allmählich auch zumute. Da muss irgend so ein beflissener Stromsparer die Lampe auf Umweltschonung programmiert haben, wie sonst ist dieser Blödsinn erklärbar?

Ich hätte grade grosse Lust, die Bedienungsanleitungen des Herds und Backofens auf den Beifahrersitz meines Autos zu werfen und auf direktem Weg in die Produktionsstätte der Gerätehersteller zu fahren, um diesen übervorsichtigen Informatikern ihre Anleitungen vor die Füsse zu blättern in Begleitung eines grundrechtlich fundierten Vortrags über Selbstbestimmung und Eigenverantwortung. Wir leben in einem angeblich freien Land und da geisseln uns diese sogenannten Haushaltshilfen und machen uns zu ohnmächtigen, bevormundeten Nutzern! In Gedanken lasse ich den Automotor an und fahre ab, da piepst es laut und wild in meinen Ohren: Oh Gott, genau, das System reklamiert, weil die beiden Heftchen (höchstens 150 Gramm schwer) unangeschnallt auf dem Beifahrersitz nun einem erhöhten Unfallrisiko ausgesetzt sind. Und das geht gar nicht (hat wahrscheinlich der Produktehaftpflichtrechtler den Herstellern zugeraunt). Wenn ich also nicht umgehend diesen Gurt montiere, dann wird mich das nervtötende Piepen während der Fahrt um den Verstand bringen. Was mir das Ganze dann doch nicht wert ist und ich breche mein Gedankenexperiment ab. Doch wo wir ohnehin bei diesem Gepiepse sind, kann ich es gleich laut sagen: Es gibt da über unsern Glaskeramik-Herd nämlich noch eine Kleinigkeit zu berichten, die ich eigentlich unterschlagen wollte. Selbst in ausgeschaltetem Zustand kann dieser Kerl einen in den Wahnsinn treiben. Will man im Sinne der Nachhaltigkeit mit einem Lappen den Herd putzen, kurz einen Gegenstand darauf abstellen oder den Herd als Arbeitsfläche benutzen und bspw. auf einem Holzbrett eine Scheibe Brot abschneiden, beginnt das Gerät lauthals zu protestieren und sendet so lange ein Notrufsignal aus, bis man den Herd wieder freigibt und ihn verschont vor solchen Banalitäten.

Sie glauben mir nicht? Dann kommen Sie vorbei; ich bin sicher, nach wenigen Demo-Minuten wird Ihre Laune im Keller sein. Was letztlich einen angenehmen Nebeneffekt haben könnte; in unserm Kellergewölbe nämlich treibt kein elektronisches Ungeheuer sein Unwesen. Vielmehr lagert dort in einer banalen Holzburde unser selbstgebrautes Bier; wunderbar kühlgehalten und bereit, Ihre Verzweiflung in Hopfen und Malz zu ertränken.



4 Gedanken zu „Bevormundet“

  1. Toni besutti sagt:

    Liebe Manuela
    Ja gell-wenn uns nicht Mitmenschen ärgern machen das mittlerweile Maschinen und Roboter. Der ganze Klamauk kommt natürlich von den vielen Gesetzlein, die hierzulande täglich geschrieben werden oder vom Ausland übernommen werden. Auf einem Plastiksack steht hier, Kleinkinder sollten den nicht schlucken (und die Fische?) oder essen….sonst nimmt der Versicherer Regress auf die Herstellerfirma. Zum Glück steht das da. Jedes Mammi und jeder Papi würde natürlich genau das tun-Guguuseli.. Der Chefprogrammierer besagter Firma würde sicher für uns ein spezielles Progrämmli schreiben, damit die Fristen zwischen den Hürden gutbernischem Tempo entsprächen:-). Glich es glücklechs 2020 wünsch Dir
    Toni

    1. Manuela Gebert sagt:

      Lieber Toni
      Die Liste der aberwitzigen Absicherungen ist lang, schade. Mein Grossvater lehrte mich noch, dass „wo gehobelt wird, fallen Späne“. Heute darf leider kein Span mehr zu Boden fallen, weil er ansonsten hochgehoben und einem Schuldigen zugeordnet wird, der sich in Zukunft überlegen wird, ob er überhaupt noch hobeln will. Entweder also das Hobeln aufgeben oder aber Absicherungen verfassen und sich das Ganze gegenzeichnen lassen. Nun, für mich wäre das eigentlich nicht nötig, wenn wir hüben etwas mehr Menschenverstand voraussetzen würden und drüben dafür etwas grosszügiger mit Fehlern umgegangen werden würde. Wäre, würde, könnte…. ich weiss; was ist hier die Lösung? Dir ein fröhliches, regressfreies, hürdenloses Neues Jahr und geng Zyt für Gmüetlechkeit, Manuela

  2. Benjamin sagt:

    Liebe Manuela
    Was für ein Ärger mit diesen neuen Geräten. Mir geht es manchmal gleich mit dem Smartphone. Seit einiger Zeit kann ich manchmal einen ankommenden Anruf nicht entgegennehmen. Da kann ich tun, was ich will. Es funktioniert einfach nicht. Ich rufe dann zurück. Also wenn du mich einmal anrufst, könnte das der Grund sein, dass ich das Gespräch nicht entgegennehmen kann. Aber Anderes läuft sehr gut. Zum Beispiel Musik hören, im Internet surfen, Bücher lesen etc. Aber die Grundfunktion, Telefonieren, die hat so seine Schwierigkeiten. Nur manchmal, aber doch so viele Male, dass es mich dann doch ärgert! Das ist die Technik und voll nicht Bevormundung. Ja, auch diese begegnet mir immer wieder im Alltag. Wir Menschen sind dauernd der Kritik ausgesetzt, warum tust du das, warum dieses? Und umgekehrt! Mein Appellohr sagt mir dann, ich müsse Rechenschaft ablegen. Genau das, sollten wir nicht unüberlegt tun. Andere wissen ja immer besser, was zu tun ist. Wären sie doch in der Sache drin, würden sie es vielfach gleich machen. Lassen wir uns also weniger bevormunden. Diese Zusammenhänge zu kennen, hilft dabei. Herzlich, Benjamin

    1. Manuela Gebert sagt:

      Lieber Benjamin
      „Bin ich froh, dass es Dir auch so geht“ wollte ich schreiben, aber eigentlich ist es ja mühselig… die Smartphone-Sache passiert mir ab und an auch: Willst abnehmen und es geht partout nicht. Gut, vielleicht spürt das Telefon instinktiv, dass ich eigentlich mit dem Anrufer gar nicht sprechen möchte und so ist das vermeintliche Ärgernis gar ein Dienst am Kunden….?
      Du sagst, man sollte nicht unüberlegt Rechenschaft ablegen, gut und gern auch einmal etwas stehen lassen, schlicht weil es kaum erklärbar ist, da das Gegenüber nicht in Deinen Schuhen steht. Du hast recht; das gilt auch umgekehrt; besser zweimal nichts sagen und nachdenken, statt vorschnell zu urteilen.

      Ich wünsche eine gute Zeit und möglichst wenig Bevormundung, herzlich Manuela

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