Der Stein des Anstosses

 

An der Tankstelle. Gestern Morgen. Irgendwo im Bündnerland. Angelehnt ans Auto. Gewartet, dass sich der Tank füllt. «Es gibt Leute, die lernen’s nie!». O-Ton eines Dreissigjährigen. Er meint mich. «Was meinen Sie genau?», meine höfliche Frage. «Ist das so schwierig zu verstehen, dass man zuhause bleiben soll?». Bellt einer, der selbst auf der Walz ist? Da muss mehr dahinter stecken. Ich schau ihn weiter fragend an. «Na, als Bernerin haben Sie im Bündnerland nichts verloren, es ist verboten hierher zu fahren!!». Er fingert recht wütend in Richtung meines Berner Autoschildes und schaut mich herausfordernd an.

Aha, ich habe es mit einer einfachen Kausalkette zu tun: Berner Auto = wohnhaft in Bern = fehl am Platz im Bündnerland. Und weiter: Empfehlungen oder ein dringender Rat mutieren in diesem Kopf zu einem Verbot; zumindest für Berner wie mich. Und dies wiederum scheint die Legitimation dafür zu sein, mich im öffentlichen Raum zurechtzuweisen.

Ich verlasse die Tankstelle. Und fahre heim. Vom Bündnerland ins Bündnerland. Denn ich wohne hier. Die Berner Autonummer? Ziemlich simpel: Geschäftsauto. Mein Geschäft ist in Bern. Dort arbeite ich normalerweise. Da wir aber momentan kilometerweise vom Normalzustand entfernt sind, arbeite ich eben daheim. Homeoffice heisst das auf Neudeutsch.

So what? So that!

Ich hoffe von Herzen, dass besagter Dreissigjähriger in seinem Berufsleben nicht als Richter tätig ist. Seine Bilanz an Fehlurteilen mangels vorheriger Klärung der Faktenlage resp. aufgrund derart stümperisch konstruierter Kausalzusammenhänge dürfte ansonsten beängstigend sein.

Sein Verhalten wie auch jenes einer nicht unbedeutenden Masse jagt mir aber aus einem andern Grund einen Schauer über den Rücken. Sollten Sie sich je gefragt haben, wie jene Dynamik vor 80 Jahren in unserm Nachbarland nur entstehen konnte (dazu sei Ihnen das Buch «Die Welle» herzlich empfohlen) und dabei noch gedacht haben, dass das uns nie passieren kann: Dann haben wir seit der grünen Welle und den letzten zwei Monaten Corona-Hype bestes Anschauungsmaterial erhalten: Wie schnell doch auf Grundrechte verzichtet, das Denken ausgeschaltet resp. Anders-Denkende und -handelnde ausgegrenzt werden und das alles unter Anrufung einer seltsam interpretierten Solidarität! Wo nur ist die sonst stets angerufene Toleranz geblieben?

Merken wir eigentlich, wohin wir uns gerade am Bewegen sind? In extrem kurzer Zeit hat eine Aufteilung der Gesellschaft in Gutmenschen und Egoisten stattgefunden: Herumkurven mit dem Auto, alleine? Unverantwortlich im Falle einer Grenzüberschreitung, wie ich gestern gelernt habe. Beispiele in dieser Tankstellen-Währung (aber auch üble Beschimpfungen bis zu Hasstiraden) finden Sie in den Sozialen Medien nun zuhauf, falls Sie sich die Lektüre dieser Foren wirklich antun wollen. Na dann, auf den Zusammenhalt der Gesellschaft, die Manipulation der Massen und das kopflose Herumlichtern, als wäre Krieg.

Die Beantwortung der Frage übrigens, wie um Gottes Willen ich mit meinem Solo-Tankausflug die vulnerable Gesellschaftsschicht gefährde, blieb mir der enervierte Jungspund gestern schuldig. Wer weiss, vielleicht ist er ja ins Grübeln geraten?

 



12 Gedanken zu „Der Stein des Anstosses“

  1. Franziska Fuss sagt:

    Liebe Manuela
    Dein Stein des Anstossens rupft mir am Gemüt. Jetzt, da jeder zu sich und seinen Nachbarn schauen sollte oder könnte, ist es doppelt einfach querbeet durch die Gegend zu fuhrwerken. Da kommt mir in den Sinn, dass jeder vor seiner eigenen Haustüre zu wischen genug hat und nach getaner Arbeit weiss Gott die Welt ein Muggeseckeli sauberer wäre. Oder wer im Glashüttli pennt, sollte nie mit Steinen werfen. Solche Gemeinheiten müssen mit der Leichtigkeit von Sprichwörtern ausgeschmückt werden, alles andere ist bereits gesagt. Ein wundervoller alter Mann pflegte zu sagen: Einen Chlapf im richtigen Moment mit dem nötigen Schwung und einer umfangreichen Erklärung ist Balsam fürs Leben. Ich gönnte dem besagten Bündner einen schwungvollen Chlapf vom alten Mann.
    Ich grüsse von Herzen
    Franziska

    1. Manuela Gebert sagt:

      Der alte Mann; er hat sicher manchem Menschen schon zu neuem Schwung verholfen…
      Ich denke ab und zu an besagten Bündner und stelle mir hoffnungsvoll vor, dass er seinen Kompass etwas nachjustiert hat… zum Wohl seiner Mitmenschen.

  2. Toni sagt:

    Liebe Manuela
    Das wäre doch einen Leserbrief (idealerweise in einer Bündner Tageszeitung) wert..Obschon es solche Mückenhirne überall anzutreffen gibt..Die Sonne scheint für diese Leute auch-aber wahrscheinlich sehen die es nicht.
    Liebe Grüsse
    Toni

  3. Patricia Noll sagt:

    ……einfach sprachlos. Kann nur den Kopfschütteln und es macht traurig.
    Lieber Gruss
    Patricia

  4. Sigrid sagt:

    liebe Manuela
    Ich kann nur bestätigen, dass es solche Fälle gibt. Die Gesellschaft erlebt in diesen Tagen Gegensätzliches – grosse Solidarität aber leider auch ein Auseinanderdividieren. Hoffentlich legt sich Letzteres wieder..

    1. Manuela Gebert sagt:

      Das liebe Sigrid hoffe ich auch fest. Orientierung ist für mich Ersteres, freundlich und hilfsbereit unterwegs sein; ich glaube immer noch, dass dies ein guter Weg ist und immer etwas hängen bleibt…

  5. Christina Grill sagt:

    Sehr mutiger Text in dieser Zeit. Ich bin aber ganz auf deiner Seite, Manuela. Was wir tun können in dieser verrückten Situation? Genau das, was du tust: unsere Meinung weiterhin laut sagen, auch wenn man dadurch als „asozial“ abgestempelt wird.

  6. Bernhard Gross sagt:

    Liebe Manuela,
    Den Kern einer Sache zu erkennen und danach zu handeln, scheint für viele einfache Gemüter eine große Herausforderung zu sein.
    Wir hier im Saarland haben das Glück, dass die Freiheit nur in geringem Maße eingeschränkt ist und der Kern für die einfachen Gemüter sehr genau benannt wurde:
    Abstand halten, Minimum 2 Meter und häufig, nach Oberflächenkontakt Hände mit kaltem Wasser waschen oder desinfizieren.
    Da bleibt eigentlich wenig Interpretationsraum. Unsere französischen Nachbarn dagegen dürfen 1mal am Tag im Radius von einem Kilometer um dieWohnstatt für Max. 1 Stunde am Tag in die Natur. Das finde ich sehr hart und unsinnig.
    Letztlich brauchen wir keine Überwachung durch unsere Mitbürger, schon gar nicht wenn es unsinnig ist. Keiner kennt deine Umstände besser, als du selbst.
    Könnte es daran liegen, das wir auf mittlerweile viel zu engem Raum zusammenleben, das wir uns gegenseitig zu sehr ins Gehege kommen. Dadurch geht bei vielen, auch bei mir persönlich, die natürliche Gelassenheit verloren. Zu kompensieren ist dies nur durch bewusste Einsamkeit in den Randbereichen der Siedlungskonglomerationen. Oder auch der Himmel 😊

  7. Niklaus sagt:

    Ich würde gerne etwas schreiben, aber mir fehlen die Worte. Alles was mir in den Sinn kommt, finde ich doof. Liebe Grüsse

    1. Manuela Gebert sagt:

      Lieber Niklaus
      Mir gefällt es, dass Du genau das geschrieben hast und nichts konstruierst, was Dir am Ende doch nicht gefällt.
      Die Worte fehlen mir in diesen Tagen manchmal auch. Ich höre von den unsinnigsten Verhaltensweisen und zähle einfach auf jene Menschen, die ihren Verstand noch in Gebrauch haben und mit gutem Beispiel voran gehen.
      Häb Sorg, e liebe Gruess, Manuela

  8. Ruedi Burger sagt:

    Liebe Manuela

    gehe mal davon aus, dass der besagte Herr kein Ambassador ist und die Werte Toleranz, Solidarität, Menschenwürde……nicht kennt.

    Deine Erzählung macht nachdenklich. Nachdenklich weil es leider nicht ein Einzelfall ist. Solche und ähnliche Erlebnisse ereignen sich in den letzten Tagen vermehrt.

    Wurde ich doch beim morgendlichen Spaziergang mit Denise von einem Balkon aus aufgefordert, aufgrund meines vermutlichen Alters, zu Hause zu bleiben und den Spaziergang abzubrechen. (der Spaziergang erfolgt um 07.30 damit wir niemandem begegnen und zu Gunsten unserer Gesundheit und gegen allfällige Depressionen :-))))

    Meinem Freund in der Ostschweiz wurde aus einem Fenster der „Vogel“ gemacht.

    Aus meiner Sicht ist es kein neues Verhaltensmuster der Menschheit, sondern eine seit je schlummernde Eigenschaft der Intoleranz, des Egoismus und der bewussten Provokation. Eigenschaften die in der Zeit vom Überfluss, der Wohlfühlgesellschaft verdeckt wurden.

    Es macht nachdenklich und ruft uns auf nicht nur festzustellen sondern auch zu Handeln. Aber wie?

    Ich fürchte, man kann wenig dagegen tun – ausser mit gutem Beispiel vorangehen und so freundlich wie möglich miteinander umgehen.

    1. Manuela Gebert sagt:

      Lieber Ruedi
      Dieses Erlebnis tut mir sehr leid für Euch. Ich wünsche euch viele gute Begegnungen und frohen Mut für jeden Tag.

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