Josephine und die Pergamentlaternen – eine Adventsgeschichte, Teil III

 

In der folgenden Woche hat Josephine alle Hände voll zu tun; mit Ihrem Vater darf sie auf den Weihnachtsmarkt und sucht sich Kleinigkeiten aus, die sie dann hübsch verpacken und ihrer Familie an Weihnachten schenken kann. In der Sonntagsschule wird fleissig die Weihnachtsgeschichte geübt, Josephine spielt einen Engel und singt im Chor auf dem Felde, wo den Hirten die Nachricht überbracht wird, dass das Jesuskindlein in Bethlehem geboren worden sei. Alle Kinder basteln nebenher kleine Strohsterne, die den Kirchgängern zusammen mit einer Mandarine nach dem Weihnachtsspiel am Ausgang der Kirche geschenkt werden. Mit Tante Mi wollen noch lustige Grittibänzen gebacken werden, solche mit Rosinen als Augen und einem kleinen Reisigbesen in der Hand. Mi nimmt diese duftenden Weihnachtsmänner immer am Freitag vor dem dritten Advent in ihre Kanzlei zum Znüni für das ganze Mitarbeiter-Team mit.

 

Tante Mis Kanzlei ist in einem hübschen alten Gebäude untergebracht, einem ehemaligen Kornhaus. Und da Tante Mi nebst der Gerechtigkeit ein Flair für alte Häuser und deren Umbau hat, wurde das heruntergekommene Kornhaus in eine schöne Kanzlei umgebaut. Eigentlich könnte es aber auch ein Antiquitätengeschäft sein findet Josephine, denn Tante Mi hat es nicht so mit kühlen Metallmöbeln und unbequemen Ledersesseln. Lieber fördert sie in Brockenhäusern alte Sekretäre und Lampenschirme zutage. Natürlich hat Tante Mi den Umbau nicht alleine in Angriff genommen, sondern mit gütiger Hilfe von Laurent, ihrem Freund. Ein Architekt, der nur schwarz trägt und dazu ultralange Lederschuhe in allen Schattierungen, die schwarz noch zulässt; Josephine nennt ihn heimlich Nero II und liebt ihn heiss. Er ist, wie Josephines Mutter zu sagen pflegt,  das ziemliche Gegenteil ihrer quirligen Tante Mi: Ruhig und gelassen, ausgeglichen und geduldig; kurz und gut ein Pendant, das die beiden zu einem unschlagbaren Paar macht, wie Mutter meint.

 

„Tante Mi“, fragt Josephine, während sie damit beschäftigt ist, allen Grittibänzen einen Reisigbesen in die Hand zu drücken, „wüsstest Du jemanden, der meine dritte Advents-Pergamentlaterne nötig hätte?“. Josephine hat schon die ganzen Tage seit dem letzten Sonntag darüber nachgedacht, aber irgendwie wollte ihr niemand einfallen, dem sie das Lichtlein bringen könnte. „Weißt Du was, warum stellen wir zwei uns nicht am kommenden Sonntag an den Eingang des Weihnachtsmarktes und Du fragst einfach jeden, der vorbeikommt, ob er Deine Laterne geschenkt haben möchte? Der erste, der sie will, bekommt sie. Was hältst Du davon?“, Tante Mi schaut Josephine herausfordernd an und schiebt sich eine Hand voll Rosinen in den Mund. „Primaklima Idee, Tante Mi. Du bist die Beste“, ruft Josephine aus und wünscht sich, es wäre bereits der dritte Advent.

 

Josephine und Tante Mi stehen seit gut einer halben Stunde am Eingang des Weihnachtsmarktes – ohne Erfolg. Die Leute hören entweder nicht zu, was der kleine rote Wintermantel in die Schneeluft ruft, spazieren lachend an Josephine und Tante Mi vorbei oder schütteln verduzt den Kopf, wenn sie die Frage verstanden haben. Josephine zittert ein wenig und spürt die Kälte die Beine hochklettern. „Wollen wir etwas trinken im Café nebenan und etwas Leckeres dazu naschen“, fragt Tante Mi. „Oja fein, lass uns gehen, sonst werden wir noch zu Schneemännern“, lacht Josephine und gibt Tante Mi die Hand. Zusammen bahnen sie sich einen Weg durch die drängelnde Menge auf dem Weihnachtsmarkt. Bei heisser Schokolade und einem grossen Lebkuchen geniessen Tante und Nichte ihre Pause. „Warum will niemand meine Laterne?“, will Josephine wissen. „Vielleicht können sich die Leute nicht vorstellen, etwas einfach so geschenkt zu bekommen“, antwortet Tante Mi und trinkt ihre Tasse leer.

 

Gewärmt und gestärkt gehen die beiden wieder ins Weihnachtstreiben hinaus. Vorbei an einem Marktstand, welcher die verschiedensten Duftöle verkauft, um ein Häuschen herum, in welchem Körbe in allen Variationen erstanden werden können, um schliesslich wieder am Ausgang des Weihnachtsmarktes unter dem mit Tannenzweigen verzierten Holzbogen anzukommen. „Und wenn ich die Laterne einfach hier auf den Brunnenrand stelle, vielleicht hast Du ja ein Papier dabei, dann schreib ich „zu verschenken“ darauf und lege das Papier zur Laterne. Wenn wir nicht da sind, hat sich vielleicht eher jemand dafür, die Laterne mitzunehmen“ meint Josephine etwas enttäuscht. „Das wäre ja jammerschade, dann wüsste dieser jemand gar nicht, welch’ bezauberndes Persönchen diese Laterne gebastelt hat“, kommt es rechts von einer tiefen Männerstimme her. Josephine dreht sich verwundert um, vor ihr steht ein ziemlich grosser Mann mit einem braunen Hut und einigen Taschen an der Hand aus denen verschiedene Geschenke lugen. „Oh, guten Tag, haben sie etwa gelauscht?“, fragt ihn Josephine mit gespielter Entrüstung. „Tante Mi und ich stehen nun schon eine ganze Weile hier und möchten meine Laterne verschenken, aber niemand will sie haben“, tönt es konsterniert aus Josephines Mund, dabei schaut sie unter ihrer Mütze hervor mit einem Blick, der ernsthaft versucht dieses Phänomen zu verstehen, aber nicht wirklich reüssiert. Der Mann stellt die Taschen ab, tippt sich an den Hut und begrüsst Tante Mi und Josephine freundlich: „Ich bin Pfarrer Bergmann von der  Stadtkirche in der unteren Altstadt“. „Freut mich Herr Bergmann, das ist meine Nichte Josephine und ich bin Frau Niemann, ihre Tante“, Tante Mi gibt dem freundlichen Herrn die Hand und auch Josephine zieht ihren Handschuh aus, um Herrn Bergmann die Hand zu schütteln. „Meine Damen, mir fiele da schon ein Weg ein, wie Josephines Laterne nicht nur einem, sondern ganz vielen Menschen eine Freude machen könnte“, sagt Herr Bergmann Josephine zugewandt. „Ja“ ruft Josephine erfreut aus, „ wie denn?“, will sie wissen und hüpft von einem Bein aufs andere.

 

„Auf dem Stadtplatz steht seit dem Ersten Advent die grosse Tanne, die alljährlich mit Ihren Kugeln, den Äpfeln und grossen Schneepompons sowie tausend kleinen Lichtlein die Leute erfreut. Heute Morgen – wie jedes Jahr am dritten Advent – wurde unter der Tanne der Stall von Bethlehem aufgestellt; die Ochsen, Schafe, Hirten, die drei Könige, Maria und Josef und natürlich das Jesuskindlein in der Krippe. Von der Stalldecke herab hängt stets eine elektrische Laterne, welche die ganze Weihnachtsszenerie in sanftes Licht taucht. Ich könnte diese doch gleich mit Deiner Laterne tauschen?“, endet Pfarrer Bergmann und wartet gespannt auf Josephines Reaktion.

 

Josephine kann es gar nicht fassen; ihre Laterne soll auf dem Stadtplatz die Weihnachtskrippe beleuchten! Das muss sie Thomas erzählen, wenn sie ihn das nächste Mal besucht und was wird Grossvater erst dazu sagen, wenn er davon erfährt. Der wird Augen machen! Und Schuhmacher Martin, schliesslich hat er sie ja auf diese tolle Idee gebracht. Tante Mi gibt Josephine einen kleinen Stups: „Na Jo, willst Du Herrn Bergmann nicht antworten?“. Josephine kehrt aus ihrer Gedankenreise wieder auf den Markplatz zurück, wo Herr Bergmann sie immer noch abwartend anschaut. „Verzeihen Sie Herr Bergmann, ich hab nur grad gedacht, was wohl mein Freund Thomas und mein Grossvater dazu sagen würden, wenn sie wüssten, dass meine kleine Laterne die Krippe unter der Tanne auf dem Stadtplatz erhellt. Gerne werde ich Sie Ihnen für die Krippe schenken!“, Josephine nimmt die Laterne und streckt sie Herrn Bergmann entgegen. „Danke herzlich, Josephine, es ist mir eine Ehre“, bedankt sich Herr Bergmann und legt die Laterne in eine der Taschen obenauf. „Auf Wiedersehen und übrigens, kommen sie doch am vierten Advent zum Stadtplatz. Es spielt ein ungarisches Gastorchester Weihnachtslieder, dazu wird Punsch und Glühwein ausgeschenkt und auch für Weihnachtsgebäck ist gesorgt. Zudem kannst Du dann Deine Laterne bestaunen“, sagts und verabschiedet sich von Tante Mi und Josephine. Er hebt die Taschen auf, nickt ihnen nochmals zu und macht sich auf den Heimweg.

 

„Wie war es auf dem Weihnachtsmarkt Josephine“, fragen ihre Eltern, als sie zusammen das Abendessen einnehmen. „Oh, ganz gut, ich konnte die Laterne verschenken und Tante Mi und ich haben leckere Lebkuchen und heisse Schokolade genossen“, säuselt Josephine und tut so, als hätte es keinen Herrn Bergmann gegeben. Weil sie ihren Eltern rein gar nichts verraten will, plaudert sie sofort weiter vom Weihnachtsspielüben, Tante Mis neusten Schuhen, Neros jüngsten Spässen und vielem mehr. Ihre Eltern zwinkern sich zu, ohne dass es Josephine bemerkt hätte; sie spielen selbstverständlich mit und tun so, als gäbe es da wirklich nichts, was Josephine in ihrer Erzählung ausgelassen hätte.

 



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