Josephine und die Pergamentlaternen – eine Adventsgeschichte, Teil I

 

In einer kleinen Stadt am Fluss, wo die Gassen eng beieinander liegen und ein Haus sich an das andere schmiegt, wo tausend Kamine in den Himmel ragen und am Abend aus allen Fenstern weiches Licht erstrahlt, wohnt Josephine. Das Haus, in welchem sie daheim ist steht auf einem Hügel, zwei Steintreppen führen zur Eingangstür. Die Fenster sind lang und hoch, in kleine Quadrate unterteilt und schauen freundlich in die Gegend. Die grünen Fensterläden gleichen Engelsflügeln, sie hängen etwas schief, denn das Haus steht schon über hundertfünzig Jahre hier. Unter dem riesigen Dachgiebel, der vor Wind und Wetter schützt,  am Ende der sich durch das ganze Haus ziehenden breiten Holztreppe liegt Josephines Reich. Sie klimpert auf ihrem Klavier gerade eine lustige Melodie, leider sind ihre Beine noch etwas zu kurz, um dabei kräftig aufs Pedal zu drücken, doch das macht ihr nichts aus. Fröhlich singt Josephine aus voller Kehle und findet das Konzert ganz ordentlich; scheinbar auch ihr Kater Nero, der sich auf dem grossen Himmelbett bequem in eines der gemütlichen Kissen eingerollt hat und den Schlaf der Gerechten schläft.

 

Vor dem Fenster tanzen grosse Schneeflocken, Grund genug findet Josephine, um schon mal ein paar Weihnachtslieder zu trällern. Sie hält inne und stützt den Kopf in die Hand. Fein wird das werden! Der lange Esstisch wird sich am Weihnachtsabend biegen unter all’ den Köstlichkeiten, welche Grossmutter, Tante Mi  (eigentlich heisst sie Mimi, aber alle nennen sie Mi) und Mama in der Küche zubereiten werden, am Nachmittag wird es himmlisch nach Weihnachtsgebäck duften, welches wie immer auf geblümten Tellern zu kleinen Türmchen aufgeschichtet wird und sie Josephine wird zusammen mit Nero unter dem grossen Arbeitstisch in  Vaters Bibliothek ein paar davon naschen, unbemerkt von allen, denn die Grossen werden furchtbar wichtige Gespräche führen nebenan im Wohnzimmer…

 

Fertig geträumt! Mit einem Hops ist Josephine auf dem Teppich und eilt zum Kleiderschrank. Schnell einen dicken Pullover übergestülpt und die Treppe heruntergesaust. „Wohin so schnell, junge Dame“, meint lachend ihr Vater aus der Bibliothek. „Och, ich besuche Grossvater, wir haben etwas zu besprechen“, meint Josephine ernst. Und schon hüpft sie ein Stockwerk weiter hinab, schnappt sich im Eingang ihr rotes Wintermäntelchen und stürmt aus dem Haus hinein in die weisse Pracht.

 

Ihre Grosseltern wohnen ein paar Gehminuten entfernt in der Altstadt, nicht weit vom grossen Stadtplatz, wo in der Adventszeit ein kleiner Markt mit hübschen Ständen auf kauflustige, schlendernde Kundschaft wartet. Ein fröhliches Durcheinander herrscht dort jeweils; Wollsocken und Holzspielzeug, Duftkerzen und Marroni, Lebkuchen in allen Formen und Glockenspiele werben um die Gunst der lachenden Weihnachtsbummler. Josephine trippelt jeweils mit ihrem Vater von Marktstand zu Marktstand auf der Suche nach einer Kleinigkeit, die sie mit Ihrem eigens gesparten Geld als Geschenk für Mutter und Vater, Tante Mi und Grossmutter und Grossvater erstehen könnte. Sollte es nicht reichen, hilft bisweilen ihr Vater grosszügig mit ein paar Münzen aus; was wohl dieses Jahr den Weg in glitzerndes Papier finden wird?

 

In den Gassen herrscht emsiges Treiben. Der Wind bläst die Schneeflocken wild um die in dicken Halstüchern, Mützen und Mänteln vermummten, rasch ins nächste Geschäft eilenden Menschen und treibt ihnen Tränen ins Gesicht. Josephines Nase tropft und sie hat Mühe, vor lauter wirbelnden Schneekristallen den Weg zu sehen. Noch um jene Häuserecke und dann müsste sie die grosse grüne Tür mit dem dicken Türklopfer erblicken. Woher kommen denn die vereinzelten Flötentöne, die etwas verloren um Aufmerksamkeit bitten? Als Josephine in die nächste Gasse einbiegt, sieht sie unter dem Torbogen eine junge Frau in alten Jeans und längst ausgetragenen Winterstiefeln, einer verbeulten Jacke und gestrickten Handschuhen, mit freien Fingerkuppen stehen. Die Frau wiegt leicht ihren Körper hin und her und entlockt der Flöte mehr schlecht als recht ein dünnes „Oh Tannenbaum“. Josephine beobachtet sie unter ihrer Kapuze hervor; als die letzten Töne verklungen sind, murmelt die Frau etwas vor sich hin; sie scheint mit sich selbst ein Gespräch zu führen. Die Passanten achten nicht darauf und Josephine geht schliesslich weiter, der warmen Stube des grosselterlichen Hauses entgegen.

 

„Grossvater, wo bist Du“, ruft Josephine, als sie den Schnee von den Schuhen abklopfend die schwere Tür öffnet und ihr bereits Lenny, der schwarze Labrador Ihrer Grosseltern entgegenspringt. Sie schält sich aus ihrem roten Wollmantel und legt ihn artig in der Garderobe aufs Bänkli, die Kleiderbügel hängen zu hoch und müssen tatenlos zusehen. Von Schuhen und Mütze, Schal und Handschuhen befreit, stiefelt Josephine in forschem Schritt Richtung Wohnzimmer, von wo her sie ein leises Schnarchen vernommen und ihren Grossvater eingenickt im ramponierten Ohrensessel neben Kamin und einem Stapel Bücher vermutet. Lenny tanzt freudig um sie herum und stösst fast eine der Tischlampen um, die neben dem bequemen Sofa auf kleinen dunklen Holztischen stehen und den Raum in gedämpftes Licht tauchen. Tatsächlich, Grossvater ist über seiner Lektüre eingenickt, das Buch liegt halb in seiner Hand, halb auf seinem Schoss; die Brille sitzt akkurat auf seiner Nase und Grossvater sägt friedlich dünne Äste entzwei. Josephine steht amüsiert vor dem Sessel und hält Ausschau nach Grossvaters Federsammlung auf dem Kaminsims; ob sie ihn mit einer kleinen Feder ein wenig unter der Nase kitzeln soll? Das sieht stets urkomisch aus; Grossvater verscheucht dann im Halbschlaf eine imaginäre Fliege, verliert seinen Rhythmus, was die Säge aus dem Takt und Josephine zum Lachen bringt.

Nein, denkt sich Josephine und stützt sich stattdessen lässig auf die Armlehne, zieht Grossvater das Buch aus der Hand und fragt den erwachenden Sägemeister, was er denn Spannendes lese? „Du! Da schau, ich hab Dich gar nicht reinkommen gehört! Wie geht es meiner Lieblingsenkelin?“, fragt Grossvater lachend und hebt Josephine flink auf seinen Schoss. Josephine findet die Bemerkung über seine Lieblingsenkelin immer sehr witzig, ist sie doch die einzige Enkelin, die Grossvater überhaupt hat. Nun denn, es ist ein kleiner Spass zwischen ihnen beiden und Josephine ist natürlich mächtig stolz, dass sie Grossvaters Liebling ist! „Mir geht es primaklimawunderprächtig und Dir Grossvater?“, antwortet Josephine. „Mir geht es bärigstark und ordentlich, für gute Lektüre ist gesorgt – im Moment lese ich grade wieder einmal das Buch MOMO -, Grossmutter verwöhnt mich mit Ihrem Witz und bester Küche und kommst Du dann noch ins Haus geflattert, könnte meine Welt nicht besser sein“, meint Grossvater und kitzelt den Blondschopf auf seinem Schoss hinterm Ohr. „Was verschafft uns die Ehre Deines Besuches“, fragt Grossvater über seine Brillenränder blickend interessiert. Josephine setzt sich kerzengerade hin, nimmt seine Hand in die ihre und malt mit dem Zeigfinger ihrer andern Hand Figuren in  Grossvaters Handfläche. „Du hast mir doch erzählt, dass Du ein grosses dickes Buch mit spannenden Geschichten hättest, aus dem Du mir in der Adventszeit dann erzählen wolltest. Jetzt ist Adventszeit, morgen ist bereits der erste Advent. Magst Du mir eine der Geschichten vorlesen? Wir könnten Punsch trinken dazu, Grossmutter würde auf dem Sofa etwas Schönes stricken für Papa und Lenny könnte auf dem Teppich mitlauschen, was meinst Du Grossvater“, fragt Josephine mit hoffnungsvoller Miene.

 

„Das liesse sich einrichten, kleines Fräulein. Geh Du schon mal in die Küche und frag Grossmutter, ob sie nicht einen würzigen Punsch für uns alle zubereiten würde, ja und dann müsstest Du sie noch überzeugen, strickend meiner Geschichte beizuwohnen. Was meinst Du, kannst Du das bewerkstelligen? Und da wäre noch etwas, ich bräuchte natürlich Deine Hilfe beim Feuermachen im Kamin, ohne prasselndes Feuer im Hintergrund will sich die richtige Ambiance sonst nicht einstellen“, die letzten Worte ruft Grossvater ihr durch den Flur hinterher, denn Josephine ist bereits wie ein geölter Blitz Richtung Küche gedüst, wo Grossmutter mit einer dampfenden Tasse Tee in der Hand am grossen Küchentisch, in ein Kochbuch vertieft sitzt und wohl das nächste Feinschmeckermenü zusammenstellt. „Du Grossmutter, Du müsstest dann Punsch kochen und das Strickzeug nicht vergessen, ich mache in der Zwischenzeit mit Grossvater ein Feuer im Kamin, weißt Du für die Geschichte und die Ambivance und so und Du kannst einfach die Beine hochlagern, das wird prima! Soll ich einen Topf auf den Herd stellen und Zimtstangen suchen, die gehören doch dazu, gell“, Josephine plappert wie ein aufgeregter Spatz und umrundet schon zum dritten Mal den Küchentisch. Grossmutter beobachtet ihre Enkelin mit einem Schmunzeln, ja, ja, das ist ihre Josephine, hat sie erst eine Idee, dann kann diese nicht schnell genug in die Tat umgesetzt werden, vor lauter Aufregung vergisst die Kleine fast Atem zu holen. „ Guten Nachmittag, freut mich auch Dich zu sehen und verstehen tu ich Bahnhof, bin aber mit allem einverstanden“, scherzt Grossmutter und zwinkert mit dem rechten Auge. „Oh, entschuldige“, stammelt Josephine und wird rot im ohnehin schon erhitzten Gesicht, „ ich hab Dich ja noch gar nicht begrüsst. Das ist aber gar nicht höflich, würde Mama sagen“, und sie zieht theatralisch die linke Augenbraue hoch, um gleich in ein gurgelndes Lachen auszubrechen. Josephine schlingt Grossmutter die Arme um den Hals und erzählt nochmals der Reihe nach, was Grossvater und sie eben im Wohnzimmer ausgeheckt haben. „Da will ich gleich loslegen“, meint Grossmutter und beginnt in der Küche zu hantieren, während Josephine mit leuchtenden Augen und ein „Merci Grossmutter“ rufend aus der Küche stürmt zurück ins Wohnzimmer, um beim Feuermachen zu helfen.

 

Als die drei schliesslich gemütlich im Wohnzimmer sitzen, dampfender Punsch ein feines Aroma verströmt und das Feuer lustig im Kamin flackert, beginnt Grossvater die Geschichte vom Schuhmacher Martin zu erzählen. Josephine lauscht mit gespitzten Ohren der Geschichte. Es brauche nicht viel, kein kostbarer Besitz, keine besonderen Fähigkeiten, keinen Titel, keinen Rang, um andern Menschen ein warmes Licht in der Dunkelheit, eine helfende Hand in der Not, ein geduldiges Ohr im Lärm der Zeit zu sein. „Was es braucht, ist Liebe und entschiedenes Handeln, wenn der Moment da ist“, endet Grossvater und legt die Brille beiseite. Lenny liegt ruhig auf dem Teppich und lässt sich von Josephine streicheln, das Strickzeug von Grossmutter klappert leise und die grosse Wanduhr schlägt fünf Uhr. Als der letzte Ton verklingt meint Josephine der Grossmutter zugewandt: „Wie merke ich denn, ob der Moment da ist und wer überhaupt meine Hilfe braucht? Heute, auf dem Weg zu Euch, habe ich gegenüber der Apotheke eine komische Frau beobachtet, sie hat ein wenig arm ausgesehen und Flöte gespielt und dann vor sich hin gebrummelt. Ihre Kleider waren nicht schön, sie sah traurig aus. Ob Sie wohl froh wäre um ein Glas Punsch an der Wärme und eine Geschichte von Grossvater?“. Grossmutter legt das Strickzeug beiseite und lädt Josephine ein, sich neben sie zu setzen. Schnell klettert Josephine auf das grosse Sofa und macht es sich neben Grossmutter auf ein paar Kissen bequem. „Gut möglich, das dem so ist. Vielleicht aber würde die Frau gar nicht zu uns, sondern schnell nach Hause wollen, um dort mit Ihren Kindern zusammen zu sein oder Ihrer Katze ein Schälchen Milch hinzustellen“ überlegt Grossmutter und streicht Josephine über die blonden Haare. „Und was, wenn die Frau alleine ohne Familie ist und statt zu essen oder zu trinken etwas bräuchte, was die Traurigkeit zum Verschwinden bringt“, fragt Josephine ihre Grosseltern. „Warum denkst Du nicht darüber nach, während ich Dich nach Hause bringe, es ist ja schon dunkel“, antwortet Grossvater, der gerade ein neues Holzscheit aufs Feuer gelegt hat. „Gute Idee Grossvater“, findet Josephine und geht Richtung Haustür, um sich für den Heimweg wieder warm anzuziehen. Sie gibt Grossmutter einen Kuss auf die Wange und knuddelt Lenny zum Abschied. Draussen hat sich der Himmel aufgeklart und erste Sterne funkeln. Josephine und ihr Grossvater laufen gemächlich die lange Gasse hoch, die Weihnachtsbeleuchtung – viele kleine schimmernde Sternchen, die um die Strassenlaternen drapiert sind – wirft ihr sanftes Licht auf die Passanten und irgendwo spielt es aus einem Geschäft „I’ll be home for Christmas“. Die Beiden plaudern über dies und das, bis sie schliesslich vor dem Haus auf dem Hügel angekommen sind. Dort wirft Grossvater Josephine in die Luft, setzt sie dann sanft auf den Boden und verabschiedet sich von ihr. An der Türe winkt sie ihm noch zu und geht dann leise ins Haus hinein.

 

Als Josephine schliesslich am Abend ganz müde in ihrem Himmelbett liegt, wundern sich ihr Vater und ihre Mutter, dass Ihre Tochter so gar keine Lust mehr auf eine Gute-Nacht-Geschichte verspürt. Stattdessen erklärt sie, sie müsse vom vielen Nachdenken nun schlafen, gibt ihren verduzten Eltern einen Kuss und kuschelt sich mit Ihrem Hasen Lampohr in ihre warme Decke und schläft, bevor die Eltern auch nur zur Tür hinaus sind.

 

In dieser Nacht träumt Josephine von fliegenden Flöten, die von einem weinenden Mond auf dem Klavier begleitet werden. Aber auch von Schuhmacher Martin, der kleine Lichtlein aus Pergamentpapier bastelt, in deren Wände er winzige Sternchen stanzt: „Ein Licht ins Dunkel bringen, Wärme in die Kälte tragen, es ist ganz einfach Josephiiiiine, gaaanz einfach Josephiiiine“, ruft ihr Martin leise durchs Fenster zu.

 

Am nächsten Morgen wacht Josephine erst spät auf, die Sonne fällt bereits durchs Fenster auf ihre Decke und kleine Staubkörner vollführen in deren Strahlen einen Ringeltanz. Josephine reckt und streckt sich und wird von Nero zur Begrüssung an der Nase gestupst. „Na, Du kleiner Schlaftiger, nun habe ich fast ebenso lange geschlafen wie Du“, flüstert ihm Josephine sanft ins Ohr und streicht ihm langsam übers Fell. Sie schlägt die Decke zurück und steht aus dem Bett auf. Heute ist der Erste Advent! Und sie will gleich ins Entrée, dort steht mitten im Raum auf dem runden Tisch ein grosser wundervoll dekorierter Kranz mit Aniskringeln versehen und zartgrünen Kerzen, kleinen durchsichtigen Kugeln mit Schneebällchen drin, silbernen Engeln und grossen Kieferzapfen. Ob die erste Kerze bereits brennt? Im Pyjama steigt Josephine die Treppen hinunter bis ins Parterre, dort brennt tatsächlich schon die erste Kerze und verströmt einen feinen Duft nach Weihnachtswald. Aus der Küche vernimmt Josephine helle Weihnachtsmusik und fröhliches Geschirrklappern sowie den Geschmack von Zucker, Mehl und Butter: Mama ist am Plätzchen backen! Da kann ich die herrlich-süssen Zimtstern-, Spitzbuben-, Läckerliteige probieren, freut sich Josephine.

 

„Guten Morgen, Du hast ja lange geschlafen; warst Du auf Reisen in der Nacht?“, fragt ihre Mutter neckend und malt ihr mit dem Finger einen Mehlklacks auf die Nase. „Magst Du ein Honigbrot und eine Tasse heissen Kakao“, will die Mutter wissen und schneidet bereits eine Scheibe frisches Brot. Sie nimmt den Honig aus dem Esschrank und stellt diesen zusammen mit der Butter auf den Tisch, an dem Josephine in der Zwischenzeit Platz genommen hat. „Kakao wäre fein und zwischendurch ein wenig Teig naschen“, antwortet Josephine verschmitzt und taucht gerade das Messer in den Honig; dieser ist so sämig, dass sie ihn geschickt aufs Messer bringen muss, ansonsten er längst vor dem Zielort auf den Tisch tropft. „Ich muss nachher ein Pergamentlichtlein basteln“, plaudert Josephine mit vollem Mund. Während sie Schluck für Schluck den süssen Kakao trinkt, erklärt ihr die Mutter, wo das kostbare Papier zu finden ist. Was ihre Tochter wohl vor hat?, fragt sich die Mutter und schaut Josephine lächelnd hinterher. Das wird sich noch früh genug zeigen, weiss sie aus Erfahrung und schiebt ein Blech Vanillekipferl zum Backen in den heissen Ofen.

 

Josephine sitzt an Ihrem grossen schwarzen Schreibtisch, er gehörte einmal Tante Mi und ist deshalb etwas ganz Besonderes in Josephines Augen. Bewaffnet mit Schere, Klebstoff, Karton und Pergamentpapier überlegt sie,  wie dieses Lichtlein nur zu konstruieren ist? „Was meinst Du Nero, wie fange ich am besten an? Einen Boden und vier Wände, etwa so?“, Josephine gestikuliert mit dem Pergamentpapier wild in der Luft herum, was Nero mit einem verständnislosen Blick quittiert. Er miaut kurz Richtung Schreibtisch und zieht sich auf den kleinen Sessel am Fenster zurück, von wo er der Sache aus Distanz zuschauen kann. Hmm, überlegt Josephine, wie sah das im Traum nur aus? Und erst die Sternchen? Ob sie kleine Plätzchenförmchen aus der Küche nehmen, diese aufs Papier zeichnen und dann ausschneiden könnte? „Ja, so müsste es gehen!“, jauchzt Josephine laut und nimmt gleich zwei Stufen auf einmal, um in der Küche ohne gross Worte darüber zu verlieren kurzerhand die Backförmchen zu schnappen und mit Gepolter wieder die vielen Stufen bis in ihr Zimmer hoch zu stapfen. Zurück am Ort des Geschehens schnipselt und klebt, zeichnet und schneidet das kleine Energiebündel was das Zeug hält und stellt nach einiger Zeit voller Stolz ein Pergamentlichtlein auf das Tischchen neben Nero hin. Das lässt sich sehen, findet Josephine, die Hände in die Seiten gestützt und das Werk aus Distanz betrachtend; jetzt nur noch ein Teelichtlein in die Laterne gepackt und das Geschenk ist fertig. Die Laterne  ist für die Flötenfrau gedacht, ob Sie heute auch in der Stadt am Spielen ist?

 

Hoffentlich, denkt sich Josephine und steht abmarschbereit im Eingangsbereich, als Ihr Vater aus der Bibliothek kommt und sie mit einem fragenden Ausdruck auf dem Gesicht mustert: „Was hast Du denn vor am Sonntagmittag, kurz vor dem Essen?“, will er wissen. „Ich muss jemandem ein Geschenk vorbeibringen, es ist wichtig“, erklärt Josephine und will geradewegs zur Tür hinaus. „Dann begleite ich Dich, nimmt mich doch wunder, was Du in Deiner Tasche hütest und wer die geheimnisvolle Person ist, die heute beschenkt werden soll!“, der Vater geht zur Garderobe, schlüpft in seinen grauen Mantel, schlägt den Kragen hoch und streift seine warmen Handschuhe über. Josephine strahlt, das ist natürlich ganz toll, wenn Sie mit Papa alleine in die Altstadt spazieren gehen und ihm unterwegs noch von Ihrer Idee mit den Laternen erzählen kann.

 

Wie sie in die Nähe der nämlichen Gasse kommen, dringt das feine Flötenstimmchen an ihrer beider Ohren. Josephine ist ganz aufgeregt und drückt fest die Hand ihres Vaters, sie zerrt ihn fast schon um die Häuserecke: „Dort ist sie!“, flüstert Josephine und zeigt mit dem Finger in Richtung der Flöten spielenden Frau. Zwei, drei Personen sind auch stehen geblieben und hören den Klängen gedankenversunken zu. „Gell, sie sieht traurig aus?“, fragt Josephine und zupft ihren Vater am Ärmel, damit sie ein wenig näher an die Frau heranrücken. Das Lied verklingt und die Frau lächelt schief, als einer der Zuhörer eine Münze in Ihren Hut legt und kurz ein Danke murmelt. Josephine läuft direkt auf die Frau zu und bleibt vor ihr stehen. „Ich habe Dir eine Laterne mitgebracht, damit es warm um Dein Herz wird und Du nicht allein bist“, etwas unbeholfen kramt Josephine die Laterne aus ihrer Tasche und streckt sie der Frau entgegen. Diese weiss nicht so recht, wie ihr geschieht und nimmt umständlich das Geschenk entgegen. „Danke!“, stammelt sie, „danke, das … ist sehr nett von Dir“. „Ich heisse Josephine und wie heisst Du? Wohnst Du hier und hast Du Kinder?“, will Josephine wissen. „Du stellst viele Fragen, Josephine, die arme Frau kann nur eine nach der andern beantworten“, lächelt der Vater milde und legt seine Hand auf Josephines Schulter. Die Frau schaut zum Vater, dann zu Josephine und entgegnet leise, sodass man sehr genau hinhören muss: „Anna-Katharina. Ich heisse Anna-Katharina, Kinder habe ich keine und wohnen, wohnen tu ich in einer kleinen Wohnung unten am Fluss, im Quartier, wo die Flaschenfabrik steht“. Josephine lächelt die Frau an und erwidert: „Ich wünsche Dir einen schönen ersten Advent und danke fürs Flötenspielen, auf Wiedersehen Anna-Katharina“. „Auf Wiedersehen Josephine“, sagt Anna-Katharina und räumt mit kalten Händen die Flöte in ihre Hülle, um sie in einem verknautschten Rucksack zu verstauen, den sie sich umhängt und vor sich hin redend davonläuft Richtung Quartier am Fluss.

 



3 Gedanken zu „Josephine und die Pergamentlaternen – eine Adventsgeschichte, Teil I“

  1. Ann sagt:

    So schön! Es ist, als wäre man dabei, in einer so friedlichen Stimmung – wie aus der alten Zeit – Bin grad eingetaucht in das Leben der munteren Josephine und glaube, sie zu kennen… Freue mich auf die Fortsetzung!

    1. Manuela Gebert sagt:

      Liebe Ann
      Schön, dass Du Dich mitten im Geschehen fühlst. So soll eine Geschichte sein.
      Und ja, Du kennst sie ganz sicher, die muntere Josephine…
      Ich sende Dir liebe Grüsse aus den Bergen, herzlich Manuela

  2. Kathleen sagt:

    Wunderschön, merci für die besinnliche Adventsgeschichte

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