Weiterbildungsstress

Letzte Woche. Eine Kollegin getroffen. Wir haben uns lange nicht mehr gesehen. Hab Sie einem Kollegen vorgestellt. Worin ihr Business bestehe? Sie erklärte es ihm und fasste bedauernd zusammen: „Wir machen nur das“. „Und das dafür richtig gut“, ergänzte ich in Gedanken und schweifte ab.

Damals, als ich mit Uni und Anwaltspatent fertig war und mich so richtig freute, mein Wissen in Taten umzusetzen, ging es in meinem Umfeld mächtig los in eine andere Richtung: LLM war das Zauberwort. Am Besten an einer ausländischen Uni, möglichst teuer und nicht nur ein Nachdiplomstudium, warum nicht zwei davon in den unterschiedlichsten Themata? Und so rackerten sich die ehemaligen Kommilitonen in der Weiterbildung ab und sammelten Urkunden. Nur, allmählich verstaubte dieser Titel und ein neues Must-Have erschien am Weiterbildungshimmel. Mediation; so wurden plötzlich rund herum einer nach dem andern Mediatoren, ich glaubte fast, ohne diesen Titel könne man nicht mehr anständig einer Anwaltstätigkeit nachgehen. Da sank auch dieser Stern und hell leuchtete ein weiterer Anglizismus in die Anwaltskanzleien hinein: Executive Master of Business Administration, EMBA. Mit Vorteil von der Uni St. Gallen verliehen. Doch auch diese Abkürzung wird langsam inflationär. In den Startlöchern stehen….egal, es geht immer so weiter.

Gegen keine dieser Weiterbildungen kann man etwas haben. Mich wundert lediglich die schiere Anzahl dieser gesammelten Werke in den Lebensläufen, die mir begegnen. Bewerbungsunterlagen von heute enthalten seitenweise Aufzählungen von absolvierten Weiterbildungen, belegten Kursen, genossenen Seminaren etc. und ich frage mich manchmal, wann genau diese Personen überhaupt zur Umsetzung ihres gepaukten Wissens gelangen, wenn sie ständig die Schulbank drücken?

Zurück zur Ausgangssituation. Ich finde es sympathisch und langfristig glückbringend, das zu tun, was man richtig gut kann. Das ist möglich ohne jegliche Ansammlung von Titeln in alle Himmelsrichtungen oder vielleicht sogar besser ohne. Vertiefen des Wissens? Klar und ja. In der Breite an der Oberfläche kratzen, um dem Zeitgeist gerecht zu werden? Nein danke. Dieser ungesunde Stress bringt vor allem etwas: nichts.



2 Gedanken zu „Weiterbildungsstress“

  1. Bernhard Gross sagt:

    Dem kann ich nur zustimmen, Kreativität und emotionale Intelligenz kann einem die beste Weiterbildung nicht einpflanzen!
    MLG, Bernhard

  2. Krebs Heinz sagt:

    Liebe Manuela

    Ich kenne diesen Umstand nicht aus deiner Welt, aber sehr wohl aus der als „HR-Fritz“. In unserer heutigen, ach so modern geltenden Welt zählt nicht mehr das, was man richtig gut kann, sondern welche Ausbildung man genossen/absolviert hat. Dass das alleine leider noch keine Garantie auf eine erfolgreiche Umsetzung in der Praxis hat, interessiert offenbar keinen. Eigentlich schade…
    Ich bin immer noch der festen Meinung, dass eine gute Ausbildung mit regelmässiger Weiterbildung zwar wichtig und nötig sind, aber gesunder Menschenverstand kombiniert mit einer korrekten Art mit Menschen und Herausforderungen umzugehen mindestens ebenso wichtig sind.

    Back to the roots, why not?
    MlG, Heinz

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