Weihnachten daheim

 

Es schneit seit Stunden in grossen, tanzenden Flocken. Eine dicke Schneedecke hat sich auf die Felder gelegt, die Tannen im Wald haben sich funkelnde Mäntelchen angezogen. Das Strässchen zum einzigen Haus, das am Ende des Tals am Waldrand liegt, ist vom Schneepflug passabel hergerichtet worden. Trotz wirbelndem Schneefall sieht man von Weitem den Rauch aus dem Kamin steigen und warmes Licht durch die kleinen Fensterchen schimmern.

 

Drinnen im Stübli auf dem Sessel neben dem Kachelofen sitzt Müeti und strickt einen Schal. Auf dem Ofenbänkli liegt Schnurrli, die vierfarbige Katze. Sie hat sich eingerollt und schlummert vor sich hin. Leise klappern die Stricknadeln, Müeti will den Schal fertig haben bis morgen Abend, er ist für  Peter, ihren Sohn und soll unter dem Weihnachtsbäumchen zu liegen kommen.

 

Auf dem runden Tischchen am Fenster liegt Peters Brief, den Müeti vor ein paar Tagen erhalten hat. Darin hat er ihr geschrieben, dass er dieses Jahr für Weihnachten nach Hause komme! Müeti ist seither ganz aus dem Häuschen. Dann wird wieder einmal die ganze Familie versammelt sein: Peters Schwester Susanne mit der Familie, Tante Suzette, Müeti und Peter. Ätti hat sie alle schon vor zehn Jahren verlassen und wird wohl vom Himmel herunter der kleinen Schar am Heiligabend einen Gruss senden.

 

Müeti hat Weihnachtsgüetzi gebacken und heute Vormittag die Grittibänze, die Peter schon als Kind immer so mochte. Wie war das jeweils eine Spannung in den Tagen vor Weihnachten, als die Kinder noch klein waren. Ätti ging mit Peter und Susanne einen Tag vor Heiligabend in den Wald, um den Weihnachtsbaum zu schneiden. Die Kinder kamen jeweils mit feuerroten Backen und glänzenden Augen heim und schleiften stolz den Baum über den Schnee zum Haus. Dann holte Müeti die Weihnachtskisten vom Estrich und entnahm diesen Strohsterne, leuchtend rote Kugeln mit grünen Schleifchen, kleine goldige Glöckchen, Engelshaar und bunte Vögelchen, einen reich verzierten orange-farbenen Spitz und meterlanges silbriges Lametta. Unter dem Baum wurden Tannäste verteilt, eine Krippe aufgebaut mit Esel, Schafen, Rindern, den drei Königen, Josef und Maria und im Futtertrögli das Jesuskindlein. Zusammen mit Ätti verteilten die Kinder die Kerzenhalter auf den Ästen und drehten rote oder weisse Kerzen in die Halterungen. Herrlich, wie der Baum in der Stube leuchtete und der Duft erst vom Harz und den Tannnadeln! Schnurrlis Vor-Vorgängerin legte sich jeweils unter den Baum und erhielt zur Feier des Tages auch ein Weihnachtsgeschenk: eine ganze Cervelat.

 

Müeti ist gestern mit Susanne zusammen einkaufen gegangen für die Weihnachtstage. Was es da nicht alles braucht für die verschiedenen Lieblingsessen von Susanne, ihrem Mann Thomas, den Grosskindern, Tante Suzette und Peter. Für Heiligabend war das Menü längst klar; Nüsslersalat mit Ei zur Vorspeise, dann ein gemütliches Raclette mit Silberzwiebeln, knackigen Knoblauchgurken, Ananas, eingelegten Zucchini, Champignons, Speckwürfeli usw. und zum Dessert Vermicelles, danach Glühwein, Kaffee und Weihnachtsgüetzi. Doch dazwischen – das war schon immer so gewesen – würden sie alle den grossen Esstisch in der Küche verlassen und in die Stube zum Weihnachten feiern wechseln.

 

Peter ist heute um den Mittag in Zürich gelandet, nach einem langen Flug von Kanada über den Atlantik nach Europa. Tante Suzette, die jüngere Schwester seiner Mutter, hat ihn abgeholt und zu sich nach Hause gefahren. Peter wollte nämlich, bevor er sich ins Auto setzen und die Fahrt ins Emmental antreten würde, etwas Besonderes für Müeti backen: Haferflockenguetzli. Das waren seit eh und je deren Lieblingsguetzli und er wollte sie damit überraschen.

 

In der grossen Küche seiner Tante, die mitten in der Stadt wohnte und sich dort pudelwohl fühlte, hat Peter soeben das letzte Blech in den Ofen geschoben und sitzt mit seiner Tante am Esstisch bei einer Tasse Kaffee. Sie plaudern über Kanada, wo Peter als Diplomat tätig und ziemlich beschäftigt ist. Wie schön das ist, wieder einmal in der Schweiz zu sein und so zu reden, wie einem der Schnabel gewachsen ist, denkt Peter. Mit seiner Tante konnte er das schon immer sehr gut; sie konnte zuhören, aber auch reden wie ein Wasserfall und was für kurlige Geschichten sie jeweils auf Lager hatte, das faszinierte Peter bereits als Kind. Tante Suzette war der kunterbunte Papagei in seiner Familie und alle mochten sie.

 

Die letzte Ladung herrlich duftender Haferflockenguetzli sind ausgekühlt und schön in einer grossen Büchse gestapelt, Deckel zu und los kann’s gehen. Suzette wird morgen ins Emmental reisen, Peter winkt ihr noch aus dem Auto zu und fährt los. Peter lässt Weihnachtsmusik laufen, ihm ist nostalgisch zumute wie bereits vor zwei Wochen. Da hat er Müeti einen langen Brief geschrieben und sie wissen lassen, dass er es einrichten könne, wieder einmal nach Hause zu fliegen und mit ihnen allen Weihnachten zu feiern. Am grossen Tisch in seinem Arbeitszimmer in Kanada kam es über ihn und er schrieb Müeti so manches, das er noch nie jemandem anvertraut hatte. Er grub in der Vergangenheit und schilderte seinem Müeti, was ihn gefreut, beschäftigt, traurig gestimmt oder glücklich gemacht hat. Er wusste auch nicht warum, aber es drängte ihn einfach, ihr sein halbes Leben zu erzählen. Verschiedene Episoden aus seiner Kindheit hat er für sie Revue passieren lassen. Wie wichtig ihm ganz kleine Gesten von ihr oder Ätti waren, wie sie sich immer für alles in seinem Leben interessiert hatten. Ihm kam in den Sinn, wie er in der Schule einmal arg vermöbelt worden war und dann daheim so wunderbar getröstet wurde. Oder als er in jenem bitterkalten Winter frierend in die Stube kam und sich kaum mehr erwärmen konnte und ihm Müeti noch am selben Abend begonnen hatte, einen knallroten wunderschön-kuschligen Schal zu stricken, der ihm zukünftig warm geben sollte. Ja, der Ätti und sein Müeti; was wäre er ohne sie, hatte er immer gedacht.

 

Noch eine Stunde, bald schon kommt der Abzweiger auf der Autobahn Richtung Emmental. Peter sieht sich bereits das Strässchen hinauf fahren und kann es kaum erwarten, sein Müeti in die Arme zu schliessen, sich in der Küche mit ihr am grossen Esstisch hinzusetzen und zu lauschen, was sie in ihrem köstlichen Berndeutsch zum Besten geben würde. Ja und dann in die Stube huschen und einen Blick auf den Weihnachtsbaum werfen; Müeti hat ihm nämlich gestern am Telefon noch gesagt, sie würde den Baum bereits schmücken, damit er möglichst lange etwas davon hätte. Oh wie wird das schön werden, freut sich Peter. Weihnachten bei ihnen daheim war einfach besonders. Nach dem Essen, während dem er mit Susanne immer gewettet hat, wer mehr Stück Raclette-Käse verschlingen kann und sie beide dann mit vollen Bäuchen in der Stube auf dem Sofa sassen, sangen sie wohlklingende Weihnachtslieder und spitzten dann gespannt die Ohren für die berndeutsche Geschichte, die Müeti bei Kerzenlicht vorlas. Er erinnert sich wehmütig an diesen Teil des Abends; Müeti hat immer eine furchtbar traurige Geschichte ausgewählt, die dann aber doch etwas Tröstendes an sich hatte. Und nach der Geschichte sprach der Ätti noch ein Gebet und dankte dem lieben Gott für ihrer aller Leben, das von so viel Schönem und Gutem geprägt war. Danach wurden die Geschenke ausgepackt, jeweils eine Person packte eines aus und die andern schauten gespannt zu. Peter muss lächeln, weil er immer so «süüferli» die Päckli geöffnet hat, was seine Schwester fast zur Verzweiflung brachte, aber er wollte einfach sorgfältig mit der kostbaren Fracht umgehen.

 

Im Häuschen am Wald ist Susanne mit der Familie vor zwei Stunden eingetroffen. Sie hat Müeti im Sessel sitzend angetroffen, die Lismete in der Hand; der Abschluss war gemacht, nur der Faden noch nicht durchgeschnitten. Müeti lächelte sie an, bekam aber kaum Luft, um zu reden. Susanne war sofort klar, dass da etwas ganz und gar nicht in Ordnung war und hat die Kinder zum Schneemann-Bauen nach draussen geschickt und Thomas in die Stube beordert. Thomas ist Arzt und hat die Situation sofort erfasst, das Herz. Doch Müeti wollte nichts wissen von einem Krankenwagen und «settigem Züüg». Sie sagte nur, sie wolle auf Peter warten, ihre Zeit sei gekommen.

 

Soeben parkt Peter vor dem Haus, öffnet den Kofferraum und entnimmt diesem vorerst nur die Büchse mit den Haferflockenguetzli, den Rest kann er ja dann später holen gehen. Seine Neffen haben ihn schon erblickt und stürmen auf ihn los und wollen ihm den entstehenden Schneemann zeigen. Er wolle zuerst Müeti begrüssen und komme dann, sie sollten schon mal ein paar Steine für die Augen des Schneemanns suchen gehen.

 

Peter öffnet die Haustür und ruft ein fröhliches «Sälü» in sein Elternhaus, tritt ein und legt den Mantel ab. Susanne kommt ihm mit traurigen Augen aus der Stube entgegen und nimmt ihn wortlos am Arm. Sein Müeti sitzt im Lehnstuhl in der Stube und lächelt ihm zu, in ihren Augen spiegeln sich die brennenden Kerzen vom Weihnachtsbaum wieder, es riecht nach Orangen und dem grünen Nadelbaum. «Müeti liebs, was machsch de Du für Sache» flüstert Peter wie er sein altes Mütterchen in die Arme nimmt und dabei fast die Guetzlibüchse fallen lässt. Müeti hebt die Hand und streicht ihm über die Wange «Peter, itz chani ga».

 

Müeti wurde aufgebahrt in ihrer Schlafkammer, wie das im Emmental so Brauch war und die Nachbarn kamen am nächsten Vormittag, um von ihr Abschied zu nehmen. Gegen Mittag trat Müeti ihre letzte Reise Richtung Friedhof an, wo sie in vier Tagen dann beerdigt werden sollte in Ättis Grab.

 

Es ist Heiligabend. Peter, Tante Suzette, Susanne, Thomas und die Kinder sitzen um den Esstisch. Den ganzen Nachmittag lang waren sie am Weinen und Reden oder Schweigen. Die Kinder waren es schliesslich gewesen, die den Tisch vorbereitet und das Racletteöfeli hervorgeholt hatten. Und so haben sie gegessen und sogar etwas Appetit verspürt.

 

Und jetzt dann gehen sie in die Stube, wo rote Kerzen brennen, sie Lieder singen werden und Susanne aus Müetis Weihnachtsgeschichten-Büechli eine Geschichte lesen wird und unter dem Bäumchen ein knallroter wunderschön-kuschliger Schal auf Peter warten wird.

Es ist gut, dass sie alle beieinander sind und zusammen feiern: Weihnachten daheim ist für sie das Schönste auf Erden, wenngleich auch das erste Mal ohne ihr liebes Müeti.



2 Gedanken zu „Weihnachten daheim“

  1. Franziska Fuss sagt:

    Danke liebe Manuela.
    Ich sitze da und weine still vor mich hin. Deine Geschichte berührt mein Herz und das Gemüt regiert entsprechend. Letztes Jahr war mein Ätti nicht mehr am Chuchitisch an Weihnachten. Heuer bleibt der Stuhl vom Schwiegermüetti leer. Sie fehlen mir. Und doch kommt Weihnachten und ich bin sicher, sie wird froh sein.
    Ich grüsse herzlich Franziska

    1. Manuela Gebert sagt:

      Liebe Franziska
      Ich hoffe, ihr hattet frohe Weihnachten im guten Gedenken an Ätti und Dein Schwiegermüetti.
      herzlich, Manuela

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