Was Hänschen nicht lernt…

 

…lernt Hans nimmermehr. So kannten wir früher das Sprichwort. Es sprach davon, dass Hans früh beginnen soll. Dann also, wenn er noch klein ist. Und als Klein-Hänschen war dieser früher zuerst einmal daheim. Eben dort, wo der Grundstein gelegt werden sollte. Ganz im Stile Gotthelfs, der meinte, dass zu Hause beginnen müsse, was leuchten soll im Vaterland. Kein schlechter Ansatz.  Unser Sprichwort lehnte sich mit dieser Aussage wohl auch an ein weiteres an: Früh übt sich, wer ein Meister werden will. Dass dafür ein Umfeld nötig ist, welches Hänschen etwas vorlebt, erzählt, zeigt, verstand sich für das Sprichwort offenbar von selbst. Denn es erwähnt diesen Umstand nicht, sondern setzt explizit die Person des Hänschen in den Fokus. Die Verantwortung lag bei ihm, die Hauptrolle spielte er.

Ist Hänschen somit Hans’es Glückes Schmied? Unbedingt! Was aber ist mit den Umständen, in welchen die Hänschen so aufwachsen? Spielt es eine Rolle, dass Hänschens Startbedingungen äusserst unterschiedlich sein können? Wenn man das Glück als uniformen Zustand definiert, auf den jedes Hänschen per se Anspruch hat, dann wohl ja. Definiert man Glück als individuellen Zustand, dann wohl nicht. In diesem Fall dürften Hänschen und auch Hans die Worte von Marie von Ebner-Eschenbach zu Herzen genommen haben, die treffend schrieb: «Nicht was wir erleben, sondern wie wir empfinden, was wir erleben, macht unser Schicksal aus».

Wie steht es heute um unser Sprichwort? Heute, wo Selbstverantwortung out ist?  Gleichbehandlung verlangt wird, damit aber eigentlich individuelle Sonderbehandlung gemeint ist? Sofort die andern schuld sind? Sich Hans hinter umfangreichen, komplizierten Regelungen versteckt und seine Unterschrift nur als eine von vielen für einen von vielen Schritten figuriert?

Mich dünkt, würde das Sprichwort heute geschaffen, würde es sich wie folgt artikulieren: «Was Hänschen nicht lernt… hat ihm der Vater, die Lehrerin, der Chef, die Gesellschaft nicht gut genug erklärt». Ist der Hans, der zwar auf seine Rechte pocht, die Pflichten aber externalisiert, ein Hänschen geblieben? Ein Hänschen, dass lieber Verantwortung abgibt, statt sie selbst zu übernehmen? Wenn ja, besteht trotzdem Hoffnung; was unser Sprichwort im alten Sinne nämlich ausklammert, sind die Spätzünder! Das Hänschen im Hans muss nicht Hänschen bleiben…



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