Schätzfrage

 

Nun

das Haus ist zu schätzen

ohne Kleider und Schuhe

dann Grossmutters Truhe

der Vogel und die Katz

nicht zu vergessen die Bilder an der Wand

der Schmuck und sonstiger Tand

die Ferienwohnung in Flims

samt Velos und Schlitten

das Auto und das Zweitauto und der Hund

die vielen Bücher, Besteck und Teller

die tausend Flaschen Wein im Keller

das Werkzeug, Klavier und Gartengerät

das Kanu und die Karrierewahrscheinlichkeit

die Kinder samt Ausbildungskosten

die Schallplattensammlung

die Fotoalben

 

Irrelevant

der tägliche Beistand

das gewachsene Vertrauen

die sturmerprobte Zweisamkeit

die durchwachten Nächte

die fröhliche Ausgelassenheit

die kleinen Zärtlichkeiten

das grosse Zutrauen

die tausend erwünschten Gewohnheiten

die jahrelange Verlässlichkeit

die enge Zusammenarbeit

die etablierten Handgriffe

die Übereinstimmung im Denken und Handeln

die geschätzten Selbstverständlichkeiten

die tiefe Liebe

 

Denn jetzt zählen

die Unterschiede

das Unverstehen

die Sticheleien

die Differenzen

die Versäumnisse

das Versagen

der Eigensinn

das Ego

die Meinung anderer

 

 Ja

 am Ende der Ehe wird auf die Waage gelegt

nicht was vorhanden war, sondern was fehlte

und geschätzt

wird nicht das Immaterielle,

sondern das Handfeste, Verflüssigbare

 

Was diese Waagen wohl an Werten anzeigen?

Und der eine oder die andere sich grob verschätzt?

 



4 Gedanken zu „Schätzfrage“

  1. Urs Strahm sagt:

    Sehr, sehr tiefsinnig liebe Manuela!

    Am Ende – bleibt oft schlicht das Sichtbare, das Zählbare, das Materielle – und dieses soll über das Trennende, das Verletzende und das Schmerzende hinweg trösten.
    Dabei ahnen wir, die wirklich wichtigen Dinge sind glückliche Begegnungen und Augenblicke, Vertrauen, uneingeschränkte Selbstverantwortung und über allem die Liebe – eben gerade nichts zum Zählen, Anfassen und Bewerten.
    So ist wohl gut zu prüfen, was die Waage wirklich zeigt.

    Hab Dank für deine Worte!
    Urs

    1. Manuela Gebert sagt:

      Lieber Urs
      Die Waage, welche das Immaterielle misst muss wahrscheinlich erst erfunden werden resp. haben wir – wie Du das so treffend bemerkst – in unserm Bewusstsein oder der Ahnung; vielleicht brauchen diese beiden einen Verstärker, dass sie wieder wahrgenommen werden?
      Herzliche Grüsse, Manuela

      1. Bernhard Gross sagt:

        Sehr schön auf den Punkt gebracht. 👏👏👏🍀👍
        Liebe Grüße, Bernhard

        1. Manuela Gebert sagt:

          ☺️

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