Palaver

 

So reden wir denn über die linke Schraube der Steckdose an der Wand im Zimmer ganz hinten der Wohnung im 23-igsten Stock des Gebäudes der Überbauung, dessen Aushub noch nicht einmal geplant ist, vergess mich denn, dass wir wissen, auf welchem Grundstück welcher Stadt in welchem Land das Ganze überhaupt realisiert werden soll.

So zerreden wir Thema für Thema und nehmen es haarklein auseinander, bis jede Mutter von der Schraube, jede Speiche von der Nabe, jeder Schlauch von den Anschlüssen getrennt ist und die Einzelteile isoliert vor uns liegen mit dem Resultat, dass wir keine Ahnung mehr haben, dass die Unterlagsscheibe, an der sich ein regelrechter Streit entbrannt hat, ursprünglich mal Teil eines Motorrads war und so gesehen kein Eigenleben hat, sondern einem höheren Zweck diente.

Und wir kehren heim nach stundenlangem Palaver und brüsten uns der rauchigen Köpfe, der komplexen Denkarbeit, der anspruchsvollen Herausforderungen und der Kopfschmerzen, die diese lang dauernden Besprechungen zeitigen. Und merken nicht, wie recht wir haben bezüglich Ursache und Wirkung:

Die Kopfschmerzen kommen tatsächlich von diesem unsäglichen Rauch, der uns das Atmen erschwert und den Kopf vernebelt, sodass wir uns verwirrt zum Arzte schleppen und dieser uns Tabletten verschreibt, so kleine pinkfarbene, runde. Und wo kriegen wir die? In der Palaverfabrik, wo sonst? Sie produziert nämlich diese kleinen pinkfarbenen, runden Tabletten und aus ihren Schornsteinen steigt kontinuierlich dieser stinkige Qualm.

Mein Gott und jetzt?

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4 Gedanken zu „Palaver“

  1. Bernhard Gross sagt:

    Oft verlieren wir den Überblick übers Ganze und dessen Nutzen, den es haben soll, wenn es funktioniert wie ursprünglich konzipiert. Aber wissen denn alle Palaverbeteiligten wozu. All zu oft leider nicht!

    1. Manuela Gebert sagt:

      Lieber Bernhard
      Um das Ganze zu sehen, braucht es Distanz und wohl auch etwas Zeit, die verstreichen muss, um keine voreiligen Schlüsse zu ziehen. Das „Stürmen“ um die Buchstaben hat hingegen über Jahrtausende etwas Anziehendes; man kann sich wortklauberisch in Details verlieren ohne Verantwortung fürs Grosse zu übernehmen: man kann dies kleingeistig oder ängstlich nennen, vielleicht vorsichtig, mutlos, auf der sicheren Seite bleibend, dogmatisch… Das Phänomen hat viele Namen, was entsteht eigentlich daraus?
      Mit fragenden Grüssen, Manuela

  2. Franziska Fuss sagt:

    Liebe Manuela
    Palaver hin, Palaver her
    schon erlebt, Deutung schwer.
    Die Worte treffen das schiere Chaos
    ich amüsiere mich famos.
    Ich schicke einen Gruss
    Franziska Fuss

    1. Manuela Gebert sagt:

      Danke vielmals Franziska für Deinen dichterischen Gruss!

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