Negative Informationsfreiheit

 

«Hast Du das Interview mit Stephan Eicher in der BZ gelesen… in der Tagesschau  die Höhen und Tiefen aus dem Wirken des scheidenden SBB-Chefs verfolgt… die Ohren gespitzt anlässlich dem Regionaljournal, dass berichtete, dass das  Bündner Strassenbau-Kartell auch die PUK beschäftigen wird… mitbekommen, was die junge Lady eben im Tram aus Ihrem Privatleben geplaudert hat ».

Nein, nein, nein und nochmals nein.

Das Interview brauch’ ich nicht zu lesen (obwohl das durchaus zu den spannenderen Formaten gehört), da ich – zugegeben eine glückliche Fügung – seit gestern in meinem Chor mit Stephan Eicher  die ganze Woche probe und seinen Esprit und Schalk gleich unmittelbar mitbekomme, dazu noch eine persönliche Widmung in meinem/seinem Songbook.

Und Tagesschau, Glamournews, 10 vor 10 ziehen ebenfalls ungesehen an mir vorüber, wie auch der Rest der Fernsehwelt; ich lebe wunderbar ohne sie. Dafür sitze ich fast wöchentlich im Kino; meist im ABC in Bern. Dort flimmern keine Blockbuster, dafür Schrägheiten/Dokumentarfilme/Verrücktes/Melodramatisches über die Leinwand und kurbeln meine Fantasie an, lassen mich Konflikte verstehen, geben Anregung, bereiten Freude.

Ich schau und les und hör ganz anders; frank nach meinem Grundrecht der negativen Informationsfreiheit. Was das heisst? Vor allem viel Genuss und Musse sowie Tiefgang. Ich will ganz viel, anscheinend furchtbar Wichtiges gar nicht wissen, weil es mich kein bisschen weiterbringt, aber stresst. Ich will vielmehr stundenlang auf meinem Sofa Bücher lesen und mich auf diese Weise in die Welt vertiefen. Oder geniesse eine gut recherchierte, erzählte Geschichte in einer Zeitung, die nur alle zwei Wochen erscheint.  Ich setz mich an den Esstisch zusammen mit Familie und Freunden und höre von Ihren Erlebnissen, spüre Gefühlen nach, lache und weine mit ihnen und denke nach solchen Ereignissen, dass ich auf diese Weise so viel mehr über das Leben gelernt habe, als wenn ich mich unter die Dusche der ständig blinkenden, Aufmerksamkeit erhaschenden, schnelllebigen und daher unbedeutenden Welt der unablässigen Information stellen würde.

Zu den Grundrechten: Wir pochen doch ständig darauf. Persönlichkeitsrechte, Meinungsfreiheit oder der Datenschutz haben Hochkonjunktur. Und was ist mit der Informationsfreiheit? Sie meint eben nicht nur den willkürfreien Zugang zu Informationen. Gerade das Positive der negativen Informationsfreiheit ist mir so wichtig und lohnt, für sich beansprucht zu werden: Ich will gewissen Informationen gar nicht ausgesetzt sein und schiebe ihnen deshalb den Riegel. Stattdessen setz ich mich aufs Bänkli zum Nachbar oder ins Geschäft meiner Freundin und «dorfe» ein wenig mit ihnen.  Da wird Wissen vermittelt, erhalte ich Lektionen fürs Leben, die mir bislang Wegweisung sind.

Versuchen Sie’s doch auch mit ein wenig mehr negativer Informationsfreiheit. Bin gespannt, was Sie erleben werden.



2 Gedanken zu „Negative Informationsfreiheit“

  1. Franziska Fuss sagt:

    Liebe Manuela, komme von meinem Lieblingsritual aus meinem Lieblingszimmer unter meiner Lieblingsdecke direkt rausgekrochen aus meinem Lieblingssessel zurück und weiss grad haargenau, warum mich die Negative Informationsfreiheit berührt. Persönlich heisst die Sendung im Radio, die ich jeden Sonntag höre und niemand darf mich dabei stören. Diese Lebensgeschichten sauge ich ein und labe mich tagelang daran. Gestern Nachmittag verbrachte ich bei meiner Nachbarin. Am Freitag war die Abschiedsfeier von ihrem erst 58 jährigen Mann. Das Gedränge der trotzdem einladenden Unordnung auf ihrem Küchentisch schob sie ein bisschen zur Seite und wir verputzen die Züpfe, die ich gebacken habe. Lachen, erzählen, still sein und viel weinen. Ich wanderte heim, ehrfürchtig, ruhig, zufrieden. Gestern Abend reisten wir ins Eggiwil. Am Jodlerabend trat das Jodlerchörli Hüsliberger aus dem Toggenburg auf. Wenige Frauen, mehr Männer. Ihre Ausdruckskraft über einzigartige Naturstimmen und ihre Liebe zu den Geschichten, die sie erzählen sind für uns von so grosser Tiefe, dass wir uns als stille Fans bezeichnen. Natürlich kennen wir sie seit Jahren und die Alltagsepisoden wollen immer wieder aktualisiert sein beim traditionellen Zwetschen Lutz. Zu uns an den Tisch kam Vreni von Arni bei Biglen mit dem behinderten Mann und der kranken Kollegin. Nein, wir kannten sie nicht aber das änderte sich im Laufe der Stunden bis tief in die Nacht. Beeindruckend, was die Choreo für ihr Leben plant und fadengrad umsetzt.
    Warum stelle ich diese scheinbaren Alltagsbanalitäten dermassen prominent in den Sonntag Vormittag? Eigentlich meine ich der Informationswelle Paroli bieten zu können und doch: Wie oft schleichen sich die Druck- und Stressteufelchen in den Hinterkopf. Du musst informiert sein, News aufschnappen, das Tagesgeschehen kennen und sofort analysieren, Abläufe kennen, Antworten bereit halten, mitreden können…
    Manuela, danke dir tausendmal für den wunderbaren Text. Ich schaue hinaus in den verregneten Teuffenthaler Herbsttag, beobachte die Kühe und Kälber und bin unendlich dankbar, dass ich nichts muss!
    Ich grüss dich Franziska

    1. Manuela Gebert sagt:

      Liebe Franziska
      Du hast ein Fensterchen geöffnet gerade mal in zwei Abende und so dicht wartet das Leben auf mit Herausforderungen! Happig, nahrhaft, fadengrad wie Du schreibst. Scheinbare Alltagsbanalitäten… drei Mal leer schlucken und dann das Positive sehen darin. Zum Beispiel, dass wo Banalitäten fehlen, Leere herrscht und Vereinsamung. Somit: „Banales“ ist ein Lebens-Zeichen, wir nehmen teil, sind mittendrin, tragen mit, werden getragen.
      Mit liebem Gruss, Manuela

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