Kulinarik oder vom Unglück des Gaumens

 

Dieser Risotto, ich weiss nicht, irgendwie sind die Körner beschaffen wie Steine, die Pilze schleimen als wären sie Schnecken und die angepriesene Symbiose des Sämigen mit der fruchtig-spritzigen Note des Weissweins mag sich einfach nicht einstellen.

 

Schon das Hors d’oeuvre mochte wenig zu überzeugen, was soll dieses aufgepuffte Etwas, das zwar nach Lachs duftet, aber völlig untergeht in einem Schneesturm von Dill: Effekthascherei, schlicht overdressed, schade für die Absicht, leider das Ziel verfehlt.

 

Gut, die Vorspeise: Ein Carpaccio aus gelbem Randen mit Meerettichschaum begleitet von grilliertem Olivenbrot serviert mit Rosmarinbutter aus der Provence. Passabel, aber weder umwerfend noch überraschend. Wäre der gebotene Chardonnay 2 Grad wärmer gewesen, man hätte eine fünf vergeben können.

 

Unsere Hoffnung ruhte deshalb auf dem als Neuinterpretation gepriesenen Erdbeer-Tiramisù. Statt versöhnt zu werden, fuhren wir eine bittere Enttäuschung ein. Das Auge isst ohne Zweifel mit und die geschichteten luftig drapierten Triangel aus Blätterteig muteten denn auch wie eine von Shigeru Bans leicht-wirkenden Holzkonstruktionen an. Damit endeten die künstlerischen Analogien; denn die irgendwie zwischengelagert wirkenden Erdbeeren waren unreif. Zudem vermochte man dieses Dessert weder geniesserisch noch gesittet zu verspeisen. Vielmehr musste man es gewalttätig mit der Gabel zerstören, was irgendwie die Freude am Ganzen zum Erlöschen brachte.

 

Weder die selbstkreierten Truffes, welche Edelsteinen ähnlich auf samtenem Untergrund ruhten, noch der wirklich aromatische Mokka mochten an diesem Desaster noch etwas zu ändern; wir zahlten mit unserer Gold-Card und verliessen in Begleitung des livrierten Chef de service das blumengeschmückte Riom de Cardis.

 

 

Kennen Sie dieses Gaumenunglück auch nicht persönlich? Dann sind wir schon zu zweit: Wie wunderbar leichtfüssig lebt es sich doch, wenn einem diese Sorgen erspart bleiben und das pure Glücksgefühl aufkommt beim Biss in eine torta della nonna, welche ohne Tand auskommt, einem die Liebe aber die Geschmacksnerven zum Explodieren bringt. Zugegeben, unserm Protagonisten würde diese Trivialität nicht einmal auffallen, poverino!



2 Gedanken zu „Kulinarik oder vom Unglück des Gaumens“

  1. Bernhard Gross sagt:

    Bravo Manuela,
    Wenn wir uns was Gutes gönnen wollten, waren wir oft enttäuscht, nicht immer. Wir bevorzugen seit der Enttäuschungen kleine Familienbetriebe, wo mit viel Liebe gekocht wird und wir unter den Benennungen auf der Karte verstehen, was uns dann vorgesetzt wird.
    Leider gibt es davon nicht mehr viele.

    1. Manuela Gebert sagt:

      Lieber Bernhard
      Mit viel Liebe wird wohl auch in den Lokalitäten gekocht, welche unser Protagonist frequentiert; das Problem scheint darin zu liegen, dass er vor lauter Ansprüchen gar nicht mehr geniessen kann oder anders gesagt, ist er sich wohl einfach gewöhnt, das halb-leere Glas zu sehen.
      Was die Wortschöpfungen angeht, die in bestimmten Gourmettempeln anzutreffen sind, finde ich sie einfach eine Entdeckung wert, da scheint Name nicht Schall und Rauch zu sein, sondern lustwandlerisch-den-Kopf-vernebelnde Kreation, die vielsprechend tönt und manchmal auch ist… da kommt mir grad eine Werbung von Valser Wasser in den Sinn, die keine Lust auf Superlative und solchen Klamauk hatten, sondern schlicht und ergreifend feststellten:
      «Alles wird besser, Valser bleibt gut», Prost!

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