Ins neue Jahr

Ruhig, wenn nicht gar leise zieht die Nacht sich zurück und weicht dem fahlen, noch zögerlichen Licht des Tages. Es taucht die weisse, verschlafene Landschaft in eine zarte Ahnung von etwas Neuem. Dort am Horizont ragen steifgefroren die Äste der Pappeln in den Himmel und harren in der kalten, klaren Luft jenes Sonnenstrahls, der in tausendfachem Zauber die alles umfassende Frostdecke in ein glitzerndes Kleid verwandeln wird.

Was klingt in unserm Innern an, wenn wir die Augen schliessen und diese Szenerie auf uns wirken lassen? Ein kleiner Gedanke, der sich einem Tautropfen gleich von unserm Herze löst und in das weite Feld vor uns wandert. Sich umschaut in dieser bekannten und doch verwandelten Gegend.

Was wartet mir, wo führen meine Füsse mich, mein Wollen und Sehnen hin? Was liegt verborgen unter der seligen Schneedecke und träumt davon, im Frühling seine zarten Fühler auszustrecken, um aufzublühen, hinein zu wachsen in das pralle Leben?

Wie wunderbar doch jeder Anfang ist, wie ungestüm die kaum geborene Idee dem Handeln, der Verwirklichung entgegeneilen kann. Als gäbe es keine Hindernisse, als müsste mit dem ersten Atemzug gleich die ganze Welt umarmt, jeder Baum geküsst, alle Gedanken in Worte gefasst, jedem Menschen begegnet, jeder Geruch eingefangen sein!

Und zurück aus diesem Wintermärchen stell’ ich daheim den Weidenast ein, der auf dem Weg vor meinen Füssen lag. Noch schmiegen sich die Knospen eng an ihn an und schlafen selig.

 



2 Gedanken zu „Ins neue Jahr“

  1. Bernhard Gross sagt:

    Liebe Manuela,
    Du kannst so wunderschön mit Worten beschreiben, was mir mein Gefühl sagt, was von mir aber nur schwer in treffende Worte zu fassen ist. Diese etwas wehmütige wohlige Winterstimmung die, vor allem bei uns Fliegern, Schmetterlingen im Bauch weicht, wenn die Luft nach Frühling riecht und die Sonne wieder häufiger ihre wärmende Kraft zeigt, ist jedes Jahr ein Augenblick, wo die Unternehmungslust nach dem Winterruhen wieder zum Vorschein kommt.

    1. Manuela Gebert sagt:

      Lieber Bernhard
      Oh ja, das Fernweh ruft dann und man hebt voller Vorfreude ab. Ich staune immer wieder, dass es einfach fliegt und wir in die Lüfte steigen, von oben alles betrachten, über den Wolken schweben und der Sonne direkt ins Gesicht lachen können. Wunderbar!
      So wünsche ich fröhliches Herumtollen und stets happy landings…

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