Des Richters Alptraum oder vom tauglichen Versuch einer Zerstörung

 

Ein Messer. Ein Brett. Ungeschälte Karotten. Und Zweifel. Viele Zweifel. Sollen die Scheiben 1 cm breit sein? 2 cm? Etwas dazwischen? Wie viele Karotten sollte sie schneiden? Fünf? Den ganzen Sack? Und dann? Ins kochende Wasser? Oder dünsten? Ablöschen, womit? Und wenn ja, wieviel davon, wie lange? Die Fragerei dauert. Die Zweifel nagen. Die Hand zittert. Karotten werden keine geschnitten. Verzweiflung naht. Wird greifbar. Schnürt die Luft ab. Pflanzt Steine in den Bauch. Krümmt den Rücken. Hetzt den Blick. Und das ist nur die Karottenfrage. Potenzieren mit Faktor 25. Ergibt ein Sandkorn der Idee, wie dieser Alltag aussieht. Es ist da nämlich noch die Frage der richtigen Art, Einkäufe in Tüten zu packen; und jene der geschlossenen, offenen oder angelehnten Türen im Haus; oder diese, wann das Licht angeschaltet und sonst ausgeschaltet zu sein hat; mit wem wie lange über welche Themen gesprochen worden ist; wem Begrüssungsküsse gegeben; von wem sie wie lange angeschaut worden ist. Kurz und schmerzlich: Was richtig, was falsch gemacht worden ist. Wahnsinn? Wahnsinn! Sein Wahnsinn. Der zu ihrem geworden ist.

 

Wie das so geworden ist? Über Nacht? Nein. So etwas kommt schleichend. Entwickelt sich. Langsam, aber stetig. Zu Beginn ist da nichts. Gar nichts. Respektive das Gegenteil. Scheinbar. Verliebte Überhöhung. Sie auf dem Sockel. Wo sie gar nicht hinwollte. Er ihr Bewunderer. Lob in den höchsten Tönen. Leicht überrissen. Wohl dem Scheitern der letzten Beziehung geschuldet. Es klafft schon zu Beginn. Ein schwarzes Loch. Für sie nicht greifbar, aber spürbar. Distanz durch Vergötterung, bis er begreift, dass er ihr nie das Wasser reichen kann. Die geachteten Talente; werden zur Bedrohung. Müssen vernichtet werden. Die Figur gestürzt. Klein und sich untertan gemacht. Denn es kam Leere auf neben dieser Fülle. Das Matte wurde unerträglich nebst diesem Glanz. Und so wird der Frosch im kalten Wasserkessel  erst sehr spät gewahr, dass die Wärme der Verliebtheit irgendwie zu zwacken begonnen hat. Und wenn er sich nicht vorsieht, wird er gekocht. So logisch ist das. Und konsequent. Und dennoch nicht zu glauben.

 

 

So ist diese Beziehung ein Versinken in Zeitlupe. Sie wird zum Tauchgang. Verlangsamte Bewegungen. Der Lärm des Lebens in Watte gepackt. Die Wahrnehmung erschwert. Luft holen nur in der Aussenwelt. Grotesk. Atmen ist Leben. Und dies verboten. Formaldehyd wäre praktisch. Das würde sie konservieren. Für ihn allein. Die Umwelt nimmt sie ihm weg. Die fremden Blicke sind gefährlich. Für ihn. Für sie mittlerweile auch. Tagelanges Schweigen folgt. Irrlichternde Vorwürfe. Zement, der an den Füssen klebt. Schwer wird der Gang. Und das Frische verwelkt. Wird uralt. Sie merkt es. Er nicht. Der Druck wird unerträglich. Kontakt zur Aussenwelt minimiert. Die Auswege aus dem Labyrinth; immer verworrener. Er immer irrationaler. Sie bemüht um Physik. Denn der Himmel ist immer noch blau. Die Flüsse fliessen talwärts. Weiss ist weiss. Und eins plus eins gibt zwei. Das ist so. Bleibt so. Da kann er täglich neue Regeln aufstellen. Die Axiome haben Bestand. Es ist einfach mühsam. Sehr. Anstrengend. Überaus anstrengend. Unmenschlich anstrengend. Die Welt in den Angeln halten wird zum Kraftakt sondergleichen. Eigentlich unmöglich. Das würden ihr die andern auch sagen. Nur wissen die nichts. Kein bisschen Ahnung haben die. Denn sie sagt nichts. Da alles auf sie zurückfällt. Gefangen in einem freien Land? Soll vorkommen. Oft sogar. Auch in anderem Kontext. Doch dazu später.

 

Warum des Richters Alptraum? Weil er Richter ist. Und richtet. Täglich. Verurteilt. Diebstähle zum Beispiel. Bestraft. So Erpresser. Verabscheut. Drohung und Gewalt. Ins Gewissen redet. Den Übeltätern. Moral versprüht. Über die Doppelbödigen. Und er mittendrin ist. Selbst einer von denen. Und darum weiss. Und es nichts hilft, dass es sonst niemand weiss. Es reicht, dass er es weiss. Er klagt sich täglich selbst an. Durch seine Urteile. Wird aber nie Sühne leisten. Das  würde Strafe voraussetzen. Dies einen Urteilsspruch. Und der eine Anklage. Passiert aber nicht. Und deshalb ist es sein Alptraum. Des Richters Alptraum. Ohne Erwachen.

 

Das Ende vom Lied? Wie auch! Es verbleibt noch eine Strophe. Diesmal zum Mitschreiben. Läuterung? Zu melodramatisch. Schicksal? Pfff. Konstellationen. Umstände. Zustände. Glaubenssätze. Doktrin. Dogmen. Biotope. Umfeld. Herkunft. Erziehung. Der ganze hermeneutische Mutterkuchen! Der begünstigt. Verhindert. Und ermöglicht, was unmöglich scheint. Schön wäre ja eine digitale Welt. Schwarz und weiss. Die Rollen verteilt. Er böse. Sie gut. Er Täter. Sie Opfer. Damit könnte der Richterspruch gefällt, die Strafe verhängt und das Publikum nach Hause geschickt werden. So ist es aber nicht. So ist es nie. Im richtigen Leben. Es braucht immer zwei? Nein. Nüchtern betrachtet reicht einer aus. Reicht völlig aus. Doch zurück zum Mutterkuchen. Was hat der damit zu tun? Alles, alles. Weil er von Religion durchtränkt war. Führte zum Obelix-Effekt. Trotz späterer, lebenslanger Abstinenz. Er reicht für tausend Leben aus. Der Fall in den Zaubertrank. Rollen werden tradiert. Kein Hinterfragen. So gelebter Glaube ist nachhaltig. Ein Nachhall von Jahrtausenden. Das dröhnt in den Ohren. Wer sich entzieht, wird angeschwiegen. Verbannt aus dem Kreise der Gerechten. Da ist fruchtbarer Boden. Um Gleiches mit Gleichem zu vermengen. Bis dass der Tod sie scheidet. Eine Hypothek. Mit Zinseszinsen ohne Verfalldatum.

 

So findet sie sich an zwei Punkten wieder. Im Tal. Auslöschung ihres Daseins. Sie soll verrecken. Er wird ihr dabei zusehen. Ein ernst zu nehmendes Versprechen. Lebensverneinend wie sonst nichts. Existentiell. Und befreiend. Denn wo könnte mehr gewonnen werden, wenn nicht dort, wo nichts mehr zu verlieren ist? Auf dem Berg. Selbstzerstörung. Sie sitzt am Tisch. Er gegenüber. Sie hält am Rund der Erde fest. Er sieht dieselbe aber als Scheibe. Sie muss das auch so sehen. Meint er. Sonst. Sonst was? Die Pistole. Die Munition. Die Uhr tickt. Was, wenn ein Schuss fällt? Die Verantwortung liegt bei ihm. Das Wissen darum hilft. Hilft beim Sitzenbleiben. Der Stress ist masslos. Das Herz rast. Kalter Schweiss rinnt die Arme entlang. Hat sich soeben die Zeit verabschiedet? Ist das Erleben zum Kontinuum geworden? Eingefroren die Gegenwart. Bilder tauchen auf. Von Wiesen. Wäldern. Vom Fischen und Gesprächen. Lachen. Schmetterlingen. Einer Wand aus Schnee. Ein Kampf. Durchhalten führt ans Tageslicht. Und ein Sprung. Aus dem kochenden Kessel.

 

Geschafft. Sich selbst erlöst. Wovon? Von Vorstellungen und Erwartungen. Annahmen. Strukturen, die töten. Buchstaben, die morden. Kontrolle und Machtansprüchen. Grösse? Eher Barmherzigkeit. Seine Mittel waren tauglich. Sie sind erprobt. In manchen Händen haben sie schon mehrfach Leben ausradiert. Hier blieb es beim Versuch. Warum? Nun, technisch gesagt ist der Erfolg ausgeblieben. So simpel? So simpel. Und anspruchsvoll.

 



Ein Gedanke zu “Des Richters Alptraum oder vom tauglichen Versuch einer Zerstörung”

  1. Niklaus luder sagt:

    Liebe Manuela
    Deine Lektüre/Überlegungen passen genau zur momentanen Zeit. Fragen über Fragen!
    Ich wünsche dir alles gute und beste Gesundheit.
    Liebe Grüsse Niklaus

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