Der Kaktus

In den grauen, nebligen Urtagen der pflanzlichen Vergangenheit, findet man eine arg verhüllte Zeit, in welcher der Kaktus blank und kontaktfreundlich das Landleben genoss. Überhaupt existierten nur runde, angenehme Formen; eine naturphilosophisch-biostrategische Harmonie leuchtete weit und breit ins Paradies hinaus. Bis zu jenem folgenschweren Ereignis, das die Natur – darunter auch der zarte Kaktus – in die Formen, Kanten und Stacheln wies.

Der Verwaltungsrat für natürliche Angelegenheiten beschloss eine Reformation erster Güte, bei der sich die Natur an die darin sesshaften Individuen anzupassen hätte. Der krasse Gegensatz – so der Verwaltungsrat – zwischen der Menschheit und der sie umgebenden Flora und Fauna, zwinge zur Neuordnung der gegebenen, nicht weiter tragbaren Zustände. Den Details der schriftlichen Erklärungen konnte weiter entnommen werden, dass die Natur vor Harmonie und Lebensfreude strotze sowie die zwischenpflanzlichen Beziehungen das Ideal überträfen und eine solche Demonstration des Naturweltfriedens sich negativ auf die Nerven und Belastbarkeit der Menschheit auswirke. So werde nun und jetzt und ohne Ausnahme zur Tat geschritten; dieser Satz war doppelt unterstrichen und mit vier Ausrufezeichen versehen. Der Ausgleich werde gemäss Hochrechnungen des Instituts für naturalhumane Zwischenfälle in 2-3 Millionen Jahren geschaffen sein.

Die Hochrechnungen erwiesen sich – wie man heute weiss – als unnatürlich übertrieben. Grund für diesen Ausrutscher war ein Prototyp der Kaktusstachel, der sich auf der Software des Berechnungscomputers im erwähnten Institut verirrt hatte. Wie dem auch sei. Um sicher zu gehen, dass der Natur die Eigenschaften der Menschen in Wesen und Gestalt richtig zugeordnet wurden, holte sich die beauftragte Sondergruppe für übereinstimmende Faktultativmodelle zwischen Natur und Menschheit aus jeder Typenkiste einige Hundert Vertreter als Statisten ins „Baugelände“.

Da stand man Knautschgesichtern mit platten Nasen, hohlen Augen, schiefen Mündern, roten Backen, lustigen Grübchen gegenüber. Es grinsten eingefallene, wohlgenährte, flache Bäuche in die Sonne, handierten fleissige, ehrgeizige Hände, wuchsen neugierige Ohren unter verschiedensten Frisuren hervor. Man wurde scharf beobachtet von stahlblauen Augen einem Adlerblicke gleich. Hier ein Schmollmündchen, dort X-, O- und ellenlange Beine, Haare auf weissen Zähnen, übereifrige Zungen; ein frohes, aufsässiges Treiben an Charakteren jeder Couleur war auf dem Gelände zu verfolgen.

Ruhe und Ordnung brachte erst das Erscheinen des ersten Vorsitzenden der Sondergruppe für übereinstimmende Fakultativmodelle zwischen Nautr und Menschheit: Herkules Fingerzeig. Dieser hatte die menschliche Gewohnheit, auf alles und jeden den Finger zu richten. Speziell an dieser Normalität war, dass dieser Finger beim Abschuss an allem und jedem haften blieb. Fingerzeig hatte seinen fehlenden Finger durch eine Prothese ersetzt und diese mit einem kleinen Herkules-Hosenträger an die Hand gespannt. Diesen Schnapp-Finger also liess er spicken, sobald etwas oder jemand daher kam, auf den es zu zeigen galt, was nicht selten vorkam.

Zurück zum grossangelegten Manöver. Herkules Fingerzeig richtete also seinen Finger auf die Menge – die Anzahl der Schnappschüsse lassen wir jetzt aus – und gebot Ruhe. Er und seine Gehilfen, alle kleine Fingerzeigs, die ihrem Idol in nichts nachstanden, teilten die hundert Mäuler und Arme in Charaktergruppen ein und wiesen den so gebildeten Gruppen Spezialisten zu, die sich zum Intenvisstudium mit ihren Modellen an ihre zugeteilten Naturterritorien begaben.

Es können hier nicht alle Wirkungsfelder beschrieben werden, so will ich mich beschränken und den Blick auf jene Gruppe richten, die sich mit kantig, schroffen und eingebildeten Zügen auseinanderzusetzen hatte. Die noch weich und unauffällig daliegenden Berge und Steinmassen wurden nun aufs Gröbste bearbeitet. Mit gezielten Schlägen wurden aus ihnen stolze Berggipfel, die hoch sich auftürmend immer überragender wuchsen, je mehr sie von sich und ihrer Grösse überzeugt wurden. Vorbilder standen nur allzu viele herum, die hoch zu Rosse sassen und vor Aufgeblasenheit zu platzen drohten. Ein letzter Schliff, ein Ausdruck kalter Berechnung und fertig war das imposante Werk.

Als Gegenpol zur eingebildeten Grösse, die sich in den Bergmassiven niederschlug, fehlte jetzt noch das gemeinkleine Nichts, das nervenstrapazierend und hinterlistig unterwegs war. So wurde denn den bis dato zarten, friedliebenden Mücken, Bremsen und Wespen ein schwatzhaftes Gift initiiert oder die klettenhafte Art bestimmter Individuuen übertragen, die ständig um einen herumsausen und ausser einer nervtötenden Wirkung keine positiven Eigenschaften verzeichnen mögen. Sowohl die Spezialisten als auch die Fakultativmodelle schienen aufzuleben. Verbohrte Einfalt und hartnäckiges Durchsetzungsvermögen schlug sich in Maulwurf und Biber nieder. Der Elefant wurde plötzlich in den Porzellanladen versetzt und mit einer Trampelhaftigkeit geschlagen, die ganz im Gegensatz zu seinem liebevollen Umgang mit seinesgleichen stand. Ja, man muss sagen, hier wurde der Natur brutal ein Schreckensszenario aufgedrückt, das seinesgleichen sucht.

Als Krönung neben sonstigen pflanzlichen Ausflüchten wie der fleischfressenden, mörderischen Fresspflanze und der nun dornigen Rose wurde mit beispielhafter Ausdauer der sonst so nette, menschenfreundliche und formgemütliche Kaktus von oben bis unten mit bösen, lieblosen Stacheln versehen.

Hämisch grinsende Spezialisten setzten die letzten Kaktusstacheln – darunter der abtrünnige Prototyp einer Kaktusstachel, welcher sich frecherweise auf der Software des Berechnungscomputers für naturalhumane Zwischenfälle verirrt hatte und so ein katastrophal inhumanes Naturunglück angerichtet hatte – und beendeten somit das Jahrhundertwerk eines ausgeführten Versuchs einer gelungenen Angleichung der Natur an menschlich, biologische Fortschrittszustände mit tierisch-naturalistischem Erfolg.

Endlich erkannte sich auch die letzte Kratzbürste auf der Welt in ihrem Abbild, dem borstigen Kaktus. Damit wäre bewiesen, warum ein Kaktus einfach Stacheln haben muss. Interdisziplinär wäre da zu erwähnen, dass Geschichte, Biologie und Verhaltenssoziologie einen enorm krassen, geistig natürlichen Einfluss aufeinander haben.



2 Gedanken zu „Der Kaktus“

  1. Franziska Fuss sagt:

    Liebe Manuela
    Herzliche Gratulation für diesen überaus witzigen und doch brutal ernsten Text. Ich habe mich gerade prächtig amüsiert und musste immer wieder laut lachen oder scheinbar wissend grinsen ob der treffenden Auslegung der Dreieinigkeit von Geschichte, Biologie und Verhaltenssoziologe. Wobei ich letzteres fast in jeder Zeile in die rasende Realität katapultierte und mir ix Situationen durch den Kopf geisterten, die mir die Theorie absolut verständlich zeigen im Alltag.
    Danke für die herrliche Unterhaltung.
    Ich grüsse dich
    Franziska

    1. Manuela Gebert sagt:

      Liebe Franziska
      Wäre grad gerne in einem Schiffchen durch Deine Gedankenwelt gefahren und hätte den Katapulten nachgeguckt und mitbekommen, wo die gestrandet und was sie angerichtet resp. welche Situationen Du Dir vorgestellt hast.
      Was mich immer so spannend dünkt; sobald des Schreibers Text veröffentlicht ist, macht dieser sich selbständig und ruft Assoziationen hervor, die dem Schreiberling selbst gar nicht in den Sinn kämen oder die Leser/Innen lesen etwas im Text, von dem der Schreiberling gar nicht dachte, dass er es geschrieben hat…
      Wünsche einen farbigen Herbsttag voller Lachen und Sinnigem, Manuela

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