Das schwarze Schaf

 

Woran denken Sie gerade, wenn Sie diesen Titel lesen?

 

Allein das Wort Schaf fördert mannigfaltige Assoziationen zutage. Eine friedliche Herde auf saftig-grüner Wiese, im Hintergrund eine Trauerweide, ein Schäfer auf seinen Hirtenstock gestützt und ein Hund, der seine Schützlinge im Visier hat. Dieses Bild zumindest wurde uns zu Primarschulzeiten jährlich einmal vors Schulzimmerfenster gebannt, dann nämlich, wenn die Schafherde für ein paar Tage wieder in unser Tal gewandert kam. Uns Kinder lockten das weiche Fell der Mutterschafe und die lustigen Lämmer, die kaum geboren auf ihren Steckenbeinchen über die Wiese stolperten. Faszinierend war auch, wie die ganze Herde plötzlich auseinander stieben konnte. Erschreckt von irgendeinem Geräusch rannten die Tiere dann relativ kopflos durch die Gegend, ein, zwei Leithammeln hinterher, ohne zu denken. Der Herdentrieb, wie uns die Lehrerin aufklärte.

 

Zurück zu unsern Vorstellungen. Denn darum geht’s beim schwarzen Schaf. Nicht nur in unsern Köpfen sind 99% der Schafe weiss, auch in der Natur hat das schwarze Schaf Ausnahmestatus; im wahrsten Sinne des Wortes. Weisse Wolle war besser zu verarbeiten sprich zu färben, was Grund dafür war, die schwarze nicht zu mögen. Die Zucht jedenfalls suchte fortan das Schwarze auszumerzen.

 

Und wie so oft im Leben brauchte auch hier das Tatsächliche nicht lange, um auch im übertragenen Sinne Furore zu machen.

 

Das schwarze Schaf steht seither sinnbildlich für die Ausnahme von der Regel, für Andersartigkeit, für das Abheben von einer Gruppe und dies stets mit negativer Konotation. Denn es verfügt über Eigenschaften, das schwarze Schaf, die nicht gleich gewertet werden mit jenen der restlichen Herde, womit es zum Aussenseiter mutiert. Wenn’s ganz grob kommt, wird ihm gar Schuld zugewiesen für jedwelches Ungemach, das den weissen Schafen widerfährt. Anders gesagt figuriert das schwarze Schaf bisweilen gar als Sündenbock, die Ausgrenzung folgt auf dem Fuss.

 

Die schwarzen Schafe unserer Gesellschaft werden heute gemeinhin nicht mehr über ihre Äusserlichkeiten als solche stigmatisiert, da sind wir mittlerweile doch etwas subtiler am Werke. Doch auch in der Moderne erfüllen die schwarzen Schafe in sie gesetzte Erwartungen nicht, wobei es keine Rolle spielt, ob sie über fehlende oder «dummerweise» gerade besondere Fähigkeiten verfügen. Sie denken anders, widersetzen sich Traditionen, glauben das angeblich Falsche, hinterfragen viel, sind unkonventionell, verweigern die ihnen zugedachte Rolle. Die Palette der Vorwürfe, die auf sie niederprasseln ist vielfältig. Eigentlich aber geht es immer um das Gleiche: Im kleinen Kreis der Familie wie auch im Grossen der Gesellschaft sind die schwarzen Schafe einfach nicht so unterwegs, wie sich dies die weissen Schafe vorstellen.

 

Mir waren die schwarzen Schafe immer schon besonders sympathisch, angefangen bei den Tieren im Stall, aber auch bei den Menschen in Familie und Gesellschaft. Sie werden von der breiten Masse oder noch einschneidender von ihrer Familie nicht getragen. Was meine konzentrierte Aufmerksamkeit erregt. Was macht diese Schafe aus? Stärke; sie gehen dennoch ihren Weg; stehen immer wieder auf; sind reich an Mut, haben Profil und Charakter; sind Individuuen und in den meisten Fällen von einer Grosszügigkeit, die seinesgleichen sucht.

 

Ich gehe so weit zu sagen, dass «schwarzes Schaf» geschimpft zu werden, recht eigentlich einem Kompliment gleichkommt.

 

Und die weissen Schafe? Määhh; dazu vielleicht ein ander Mal…

 

 



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