Chillout

 

Sie sitzt. Auf ihrem Designerstuhl. Draussen auf der Dachterrasse. Die gehört zur stylischen Wohnung. Zusammen mit vier Zimmern, einer Küche und einem grossen Bad. Alles recht geräumig und schweineteuer. Zürich eben. Und diese Stadt musste es mindestens sein. Alles andere wäre lachhaft gewesen. Immerhin ist sie die erfolgreiche Werbetexterin. Erst 26. Und gefragt wie sonst keine. Sie lacht unfröhlich auf. Zieht an ihrer Zigarette. Schaut verachtend aufs Seebecken. Das Leben ist langweilig. Die Menschen ätzend und dumm. Einfallslos. Was ihr Vorteil ist. Sie strotzt vor Ideen. Vor allem aber weiss sie, wie mit dummen Menschen umgehen. Sie denkt für sie, zu horrendem Honorar. Sie applaudiert ihnen und sahnt dafür ab.

Gerade überlegt sie, sich mit 36 pensionieren zu lassen. Sie wird dann so blöd Kohle gemacht haben, dass selbst sie ihren Kopf schütteln muss. Was dann? Irgendwie unsexy die Vorstellung. Sie denkt an ihre Kindheit. Und fängt zu lachen an. Ist sie wirklich in diesem Kaff aufgewachsen? Wo der letzte Bus in die Stadt um 19.00 Uhr davongetuckert ist? Wo zwar nicht mehr die heile Welt zuhause war, denn auch hier schlug der Nachbar seine Frau im Monatstakt spitalreif. Von aussen sah man das den Vorzeigereihenhäusern aber noch nicht so an. Ja die Dorfidylle, das war eine spinnerte Vorstellung der Städter. Welche die Landeier trotz angemalten Fingernägeln und ultrakurzen Shorts so sahen, wie sie sie sehen wollten: Als Zurückgebliebene. Und als solche hauten diese wohl extra gröber auf die Kanne, als die lärmgeplagten Wohnblockgenerationen.

Langsam wird’s ihr kalt. Sie geht hinein. Schmeisst sich aufs Sofa und zieht sich eine Netflix-Serie rein. Irgendwie ist sie unzufrieden, nervt sich am Tempo 30, das neustens in der Stadt gelten soll. Doch wird sie sich nun nicht einen alten Bauernhof kaufen. Im Gemüsegarten Tomaten ziehen und ihre schicken Freunde zum Landfeeling auf einen chilligen Abend unter der Linde einladen. Nein, sie wird weitertexten. Viel Geld verdienen. Den Moment fürs Kinderkriegen verpassen und sich mit 50 so eine lachhafte Kurzhaarfrisur zulegen. Sie wird auf ihrem IPhone wichtige Posts verfassen, während sie in der Pedicure sitzt und ihre Fussnägel mit dem angesagten Farbton der Saison lackiert werden. Sie wird am Abend weiterhin alleine auf ihrer Terrasse rauchen. Diesmal in ihrer Villa an der Goldküste, die Zigaretten ultradünn. Gelangweilt auf den See hinunterblicken. Immer noch unglaublich erfolgreich sein, einfach etwas leerer und einsamer. Und sich damit einreihen in eine unendliche Anzahl Topshots, die von Tausenden um ihren Lebensstil benieden werden.



2 Gedanken zu „Chillout“

  1. Franziska Fuss sagt:

    Liebe Manuela, ich muss grinsen und schmunzeln ob deiner Geschichte. Fremde Welt für mich – gibt es so was? Äuä scho! Grad habe ich die Poschizeiten von meinem Teuffenthäli rausgeschrieben. Nid aupot aber ordeli…
    Bin vögeliwohl dabei.
    Ich grüsse Franziska

  2. Erinnert mich entfernt an die Geschichte des Fischers und des Managers, wenn es um den Sinn der Arbeit und was das Chillen angeht…
    https://www.brittakimpel.com/der-fischer-und-der-manager/

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