Chästeilet

 

Ein Weissweinglas. Ein Edelweisshemd. Zagg, Du bist dabei. Und noch etwas: Mit den Hühnern aus den Federn, vor halb acht in den Startlöchern, sonst ist Schlange stehen angesagt.

 

Noch auf der Fahrt ins Grön entpuppen wir uns als Greenhörner. Weissweinglas? Das Tulpending mit Fuss, Stiel und Kelch!? Wird schwierig, sich dieses Teil ins «Poschettli» zu stossen. Verschmitzt stimmen wir ins Gelächter unsrer munteren Truppe Justistaler-Chästeilet-Eingefleischter mit ein. Dass ich zugunsten Wollpullover auf Edelweiss-Stoffe verzichtet habe, wird mir kommentarlos verziehen; später scheint mir gar, als spürt ich sehnsüchtige Blicke auf meinem Pelz (bis die Sonne nämlich gegen Mittag endlich in den Talboden gekrochen kommt, sind sogar die Männer die Kühlschranktemperatur leid).

 

Im Grön dann im Gänsemarsch Richtung Spycher unterwegs, wird nach gefühlt einer halben Minute bereits die erste Rast eingeläutet, potz Cheib. Das muss die «ugattlige Gfröörni» sein, der es einzuheizen gilt. Kafi «Bätzi, Strolch, Lutz» und wie die Hallodris sonst noch alle heissen stimmen ein auf spätere geisterfüllte Stunden. Unsre fröhliche Runde tauscht die ersten Schwänke aus dem Leben aus; es verspricht in jeder Hinsicht ein herrlicher Tag zu werden.

 

Dem Bach entlang darf immer wieder speziellen Fuhrwerken ausgewichen werden. Blumengeschmückt geben sich Aebi, Rapid, Hürlimann und ein paar ausgefallene Marsmobile die Ehre; auf der Laderampe eine Traube lustiger Seyrechts-Besitzer (dazu später), die es kaum erwarten können, im Talboden ihre Goldtaler in Empfang nehmen zu dürfen.  Vor Ort staunen wir, wie jeder Fuhrmann sich passgenau auf «seine» paar Quadrameter Boden zwängt. Tradiertes Parkrecht? Seygrösse mal Los durch Kubik gefressenes Gras der eigenen Kühe ergibt vielleicht die Grösse des Standorts, auf welchem danach den ganzen Tag über Käse feilgehalten wird? Wie dem auch sei; noch etwas fällt auf: Touristen aus asiatischen Gefilden glänzen mit Abwesenheit, stattdessen scheint der Spycherberg kurzfristig zum Stelldichein williger National- und Ständeratskandidaten zu werden. Politik bi de Lüüt muss das Sendeformat heissen, na dann: santé!

 

So zücken wir unsere Gläser und köpfen um halb neun bereits die erste Flasche Weissen. Kleine Gläser – wie mir im Laufe des Tages noch aufgehen wird – sind nicht nur aus Platzgründen gäbig; wer hier noch nüchternen Schrittes wieder aus dem Talboden herauskommen will, sollte sich das kleinste Schnapsglas im Format eines Fingerhuts krallen und kiloweise Käse und Züpfe essen, sonst wird das nichts.

 

Die Attraktion des Tages ist von Andacht geprägt: Die Menschentrauben versammeln sich vor den Käsespychern rund um lange Holzladen. Und schon fliesst das Gold! Stolze Bergrechtsinhaber (oder Seyrechtsbesitzer) geben sich Käselaib um Käselaib in die Hand, der Senn türmt sie zu 7-stöckigen Türmen auf (Los genannt) und am Ende glänzt ein Meer von verarbeiteten Säumen in den stahlblauen Herbsthimmel hinein. Ein Saum = 200 Liter Milch, vier davon = ein Los. Hat also wenig mit vernähten Stoffenden zu tun, sondern ist schlicht und ergreifend eine Masseinheit für den Milchertrag pro Kuh. So hat jeder Brauch seinen Wortschatz, ist doch spannend.

 

Und der Wein? Der hat eben auch noch seinen offiziellen Auftritt. Ist der letzte Käse auf die Beige gelegt, tänzelt aus dem Spycher heraus eine Flasche Weisswein durch die Reihe; beim Letzten angelangt, sollte ausgetrunken sein!

 

Und bereits wird der Alpsommer ausgeläutet. Grosse Treicheln tragend, mit Tännchen und bunten Blumen geschmückt, treten die Kühe den Alpabzug an. Bis nach Sigriswil sind die Strassen von Menschen gesäumt, die deren Heimkehr beklatschen.

 

Wir verabschieden uns von unsern Reisegefährten und erheben blinzelnd das Glas. Genau, fürs nächste Jahr wissen wir nun, wie der Hase läuft. Übrigens; zum Bödele eignen sich am Besten die prallgefüllten Nussgipfel, die im Talboden zu haben sind; sie sind hingegen so beliebt, dass sie mittags bereits ausverkauft sind. So ein Käse aber auch!



Ein Gedanke zu “Chästeilet”

  1. Krebs Heinz sagt:

    Auch ich war einer der Greenhörner… allerdings mit dem „richtigen“ Glas, klein und gäbig in Poschetli passend 🙂

    Danke Manuela für deine ach so treffenden Worte und Beschreibungen. Es war wirklich ein unvergesslicher Tag mit einem wunderbaren Brauch – schön, dass es das seit fast 300 Jahren in der heute so schnelllebigen Zeit noch gibt.

    Heimatliche Grüsse
    Hene

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.